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Hochwasser auf Sylt

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Hochwasser auf Sylt | story.one

"Ist das dein Auto bei BK?", fragt sie der nette Kollege, der immer alles weiß, bevor man es selbst weiß. "Was meinst du?", fragt sie nach um Zeit zu gewinnen sich eine Ausrede dafür zu überlegen, dass sie am Drive-In gemütlich im Auto beim DVD gucken die Zeit übersehen hat und nach 30 Minuten Standheizung die Batterie leer war. Sie musste ein Taxi rufen und den Wagen stehen lassen. Sie will es tags darauf abholen, doch es regnete die ganze Nacht, den ganzen Vormittag und während der Arbeitszeit unaufhörlich. Auf den Straßen sammeln sich fünfzehn Zentimeter Wasser, die sich in Mini-Teichen um abschüssige Stellen stauen.

Sie hat eine ganz andere Idee. "Hey! Hilfe! Was ist das???", ruft sie laut. Er reagiert prompt - kommt neugierig und hilfsbereit um die Ecke. Schließlich ist er der Größte hier und zur Stelle, wenn wir niedlichen Frauen etwas aus den oberen Regalen nicht erreichen können. Sie hebt den Deckel der Bio-Tonne und dreht sich gespielt übermäßig erschrocken und angewidert weg.

Er hüpft mit einem Satz sicher einen Meter zurück, als er den abgehackten Unterarm, den sie leicht unter die Gurkenschalen eingegraben hat, entdeckt. Sie lässt die Klappe zufallen, krümmt sich vor lachen, als er nochmal nachsieht und den Arm rausfischt. Der Schreck steht ihm im Gesicht und vermischt sich aber mit dem gleichen Schalk, der in ihr steckt - die nächsten zwei Tage wird so ziemlich jeder geprankt, der an der Stelle vorbeikommt.

Auf den Gipfel treibt es aber der Junior Chef, der in dieser ruhigen Nebensaison diesen Faschingsartikel in die Frischfisch-Styroporkisten auf Eis legt, die Kiste original zupackt und dann nochmal die höheren Instanzen reinlegt. Irgendwann landete der "blutige Unterarm" in der Spüle und in einer der hinteren Laden und wartet auf den nächsten Winter. Die seichte Unterhaltung lässt einem vergessen, dass Regen wie aus Eimern auf die Inseloberfläche schüttet und wenn sie sieht, dass die Riesenpfützen nicht ablaufen, fragt sie sich, wo das Wasser nun hin soll.

Beim tiefliegenden Fast-Food-Imbiss steht das Wasser an den Glastüren dezimeterhoch und in Westerland braucht man für die Straßen rund um den Bahnhof, Rathaus und Polizeigebäude kniehohe Gummistiefel. Die Autos fahren nicht mehr - sie schwimmen.

Inzwischen ist der Munkmarscher Hafen überschwemmt und auch an der Westseite der Insel macht sich das Hochwasser bemerkbar. Das Meer erreicht die Tetrapoden am Brandenburger Strand und auch die anderen Strände sehen nicht besser aus. Wie hoch die Sandabtragung ist, wird man danach erst sehen können.

Sie wartet und wartet, geht aber irgendwann doch los mit den Starterkabeln, weil sie ihren Wagen nicht genau an dieser niederen Stelle stehen lassen will. "Die laden sich manchmal von selber wieder auf.", meint ein Geschäftsnachbar, der oft asiatische Suppen als Geschenk vorbeibringt. Und so ist es dann auch - Starthilfe braucht er zum Glück nicht mehr und bekommt einen sicheren Parkplatz an einer Anhöhe.

© Daniela Neuwirth 09.03.2020

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