Kurvenlage

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Kurvenlage | story.one

Muttertag 2015: "Ich gebe dir heute frei", spricht der Sohn zur Mutter. Sie zögert, fährt dann aber doch spontan Mike beim Tennis spielen zugucken. Zum Glück findet sie eine Liege und kann sich in der Mai-Sonne aufwärmen, einem Spiel zugucken, in dem es scheint, als hätten die Gegner magische Tennisschläger. Aber er reißt das Spiel noch an sich. Je näher sie abends wieder der Insel kommt, desto breiter wird ihr Lächeln.

Sie hat einem zuvorkommenden Arbeitskollegen vom Polenausflug ihres Autos erzählt und nun wurde sie tatsächlich telefonisch der Käufer erreicht. Da steht er mit den Kennzeichen in der Hand, nachdem er zwei Monate damit spazieren gefahren ist. Erleichtert kann sie dieses Thema endlich abhaken. Sie freut sich immer wieder, wenn sie an die Dutzend Nächte denkt, die sie halb liegend am Fahrersitz verbracht hat, ihr Sohn neben ihr, die Koffer am Rücksitz und im Kofferraum.

Mit dem Flitzer hat sie Vieles erlebt: einmal hat sie in der Linkskurve vorm Polizeirevier ein rasanter Taxifahrer geschnitten, hinter ihm fuhr ein Polizeiwagen her, der sie an den Straßenrand gewunken hat. Sie war in den ersten Wochen noch mit dem Österreich-Kennzeichen unterwegs. Der Polizist kam auf die Fahrertür zu, während Lilly das Fenster runterließ und grade loslegen wollte, sich über den Taxifahrer zu beschweren.

"Haben sie das Taxi nicht gesehen, wo sind sie denn mit ihren Augen?". Sie war baff, hoffte, dass sie jetzt nicht weiter kontrolliert wird. Der Polizist empörte sich noch etwas, bis er sagte: "Ich sehe schon, sie sind nicht einsichtig...", und zum Glück nicht bemerkte, wie sich Lillys Härchen unter den Blusenärmeln aufstellten. Sie wollte gerade zum Zulassungsschein greifen, da sprach er weiter: "...also achten sie auf ihre Kurvenlage und fahren sie vorsichtiger.". Sie zog die Hand zurück ans Lenkrad und verabschiedete sich mit einem erleichterten Lächeln.

Was Lilly noch nicht weiß: es kommen noch zwei Drittel mehr Belegschaft für die Sommersaison. Einer nach dem anderen trudelt ein, manche schon erfahren an ihrem Platz, weil sie jedes Jahr wiederkommen - andere zum Teil ganz ohne Sprachkenntnisse, aber viel Wille zum Mithelfen - geht die Saison los, feiern auf Sylt nicht nur die Gäste.

Mit einem Inhaber der Firma, der gerne feiert, die Töchter des Hauses feiern gern, die Frau des Inhabers ist ein strahlender Sonnenschein, und der Leiter ihrer Filiale ist, obwohl er auch etwas romantisch Verhangenes hat, verantwortungsbewusst, streng und mitfühlend ist, auch gern am Feiern. Je mehr junge, feurige Kollegen und lustige, impulsive Kolleginnen, desto mehr Spaß macht es.

Es ist wie Family. Dieselben Darsteller auf der Theaterbühne, wie zuhause. Es gibt tägliches Jour Fixe, mit anschließendem Strandausflug und ab ins Nachleben, was sich ja in der gleichen Straße abspielt. Die Möwen sitzen auf den Dächern und beobachten die Tische des Restaurant. Es beginnt ein wunderbarer Insel-Sommer - die Dinge können gern so bleiben.

© Daniela Neuwirth 07.03.2020