Möwenfamilien

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Möwenfamilien | story.one

"Die ´Westerländer Möwe´ sollte als eigene Spezies ins Vogelverzeichnis eingetragen werden.", findet Lilly immer wieder. Sie sind oft größer als Hunde und haben Spannweiten wie Steinadler. Ein ausgewachsenes Tier hat einen Schnabel, der den Krallen eines australischen Straußes ähnelt und ihre Leiber sind so groß, wie prall gefüllte Einkaufstüten. Westerland ist für die Möwen, das gleiche, wie für junge Menschen Deutschland als Arbeitsplatz - es ist genug für alle da.

Diese urtümlichen Flugsaurier können sich hier an Croissants, Crepes, Fisch-Brötchen, Salat oder Eistüten die Mägen anfüllen, wenn sie schlau genug sind - und das sind sie - sich auf den Mauervorsprüngen oder Dächern über den Bäckereien, Restaurants und Fisch-Buden zu positionieren. So brauchen sie nur zu warten ... auf die Neulinge, die flotten Schrittes vom Bahnhof zum Strand eilen und auf dem Weg dorthin, ein schnelles Schinkenbrötchen vom Bäcker-Tresen in der Hand mit auf den Weg nehmen.

Die wenigsten Tagesgäste bedenken nach der langen Zugfahrt, hier auf die flinken, angriffslustigen Möwen zu achten. Erst, wenn man diese nur noch mit der Serviette in der Hand, offenem Mund, letzten Brotkrümeln an der Lippe, dastehen sieht und die Leute rundum in ihren Sesseln lungernd, nur darauf gewartet haben, dass der nächste Hungrige von den Möwen vorgeführt wird, sich inzwischen längst vor Lachen krümmen, bevor sie wieder untereinander weiter schnacken.

Diese Flugtiere haben Augen wie Adler und sind versiert im Abwarten und gezielt mit höchster Treffsicherheit abzusahnen. Selten reißen sie auch Servietten mit. Ihre großen, gekrümmten Schnäbel raffen sich nur das Beste ins Schnatter-Maul. In Strandnähe posieren sie gekonnt in der Abendsonne für die fotografierende Touristen-Meute, oft lassen sie sich gekonnt in den Sonnenuntergang gleiten und sorgen für hervorragende Urlaubs-Motive.

Tagsüber tappen sie im heißen Sand zwischen den Strandkörben hindurch, um entweder - in seltensten Fällen - freiwillig was zum Naschen von den Sonnen-Anbetern zu ergattern oder abzuwarten, bis sich diejenigen ins Wasser zum Schwimmen begeben, damit sie und ihresgleichen ungestört die zurückgelassenen, gefüllten Rucksäcke und Badetaschen mit ihren funktionalen Schnäbeln öffnen und Essbares rausfischen können.

Manche Kleinkinder, die stolz mit ihren Eistüten um ihre Familien-Liegedecken herumwandern, brechen vor Schock in lautes Geschrei aus, wenn der gleichgroße, lieb aussehende Vogel sie mit einem Ruck von ihren Waffeltüten befreit. Da weiß man dann nicht, wen es mehr schreckt, das Baby oder die Möwe.

Morgens um vier, noch vor den ersten zaghaften Sonnenstrahlen, fängt eines der Flug-Tiere mit lautem Geschrei an, nach und nach machen die anderen mit, bis sie sich irgendwann zusammengefunden und scheinbar tausend Geschichten des letzten Tages zu erzählen haben, bevor sie gemeinsam in der warmen, hellen Luft segelnd den Strand erobern.

© Daniela Neuwirth