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5000-Matrosen-Schiff

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5000-Matrosen-Schiff | story.one

Es ist ein netter Abend auf der gemütlichen Terrasse eines Freundes ihres Gastgebers. Als sich die Herren der Runde vor dem TV sammeln, um die Fußballer ihrer Fußball-Mannschaften lautstark bei der Meisterschaft zu unterstützen, beginnt die junge Frau mit dem langen, dunkelbraunen Haar von dem weltgrößten Frachtschiff zu erzählen, welches hier im Victoria Harbour im Oktober Landgang hat. 5000 Matrosen haben nach einem Jahr auf See wieder Festland unter den Füßen und werden die Venus-Clubs stürmen.

Lilly hat Feuer gefangen, möchte unbedingt Fotos machen vom Schiff, sich vielleicht den Kapitän angeln und interviewen. "Was macht man ein Jahr lang auf einem Schiff?", grübelt sie nach. "Es ist so groß, wie eine eigene Insel. Ich glaube, das merkt man nicht mal mehr.", entgegnet die Dunkelhaarige und legt Lilly noch ein Stück von den marinierten, gegrillten Auberginen auf den Teller.

Er spaziert mit ihr von dort zu Fuß zurück. "Der Hafen in Hongkong heißt seit 1843, als Hongkong zur britischen Kolonie wurde, Victoria Harbour und ist 7 bis 43 Meter tief, liegt günstig zentral im südchinesischen Meer, ist das ganze Jahr befahrbar und kann gleichzeitig bis zu 50 Frachtschiffe aufnehmen.", erzählt er ihr, steckt sie an mit seiner Begeisterung für seinen selbst gewählten Lebensraum, während sie mit Bruce Lee posen, nebeneinander über Chackie Chan auf der "Avenue of Stars" in TST schlendern, auf der nach Hollywood-Vorbild des "Walk of Fame", berühmte Schauspieler und Personen des Hongkong-Kinos im Asphalt neben dem Meer geehrt und verewigt sind.

Die meisten der rot-weißen Taxis sind schon abgestellt am Straßenrand und deren Chauffeure schlafen längst, sehen der nächsten Morgendämmerung entgegen, wo sie sich wieder ins rege Treiben auf den Straßen mischen.

Sie findet, dass Disziplin und Toleranz die geheimen Zutaten im Stadtmenü Hongkongs sind, denn nirgendwo ist eine Gesellschaft mit so viel Stolz, Freude und Kreativität am wirtschaften - auch wenn es nur ein Suppenladen oder Souvenirgeschäft ist.

Es scheint, als ob genug für alle da ist und man eben nach oben streben muss, wenn der Platz knapp ist. Die Correctness zeigte sich, als Lilly versehentlich hinten im Bus einsteigt, statt vorne ihr Ticket herzuzeigen. Er öffnete einfach die Tür wieder zum Aussteigen und ausnahmslos alle Augen sind auf sie gerichtet, was sogleich Schuldgefühle auslöst, weil sie nun alle von ihrem Zeitplan abhält.

Die Koffer sind gepackt, erst auf dem Weg zum Flughafen merkt sie, dass ihr Ladegerät noch hinter dem TV am Schrank liegt. "Klassiker.". Sie greift in die Tasche nach Pass und Flugtickets. Für irgendeinen Stempel braucht sie 10 HK$, die sie nicht mehr hat. Er zögert, zur Geldtasche zu greifen, hebt dann einen Schein in die Höhe und lässt sie zappeln: "Wenn ich dir die 10 HK$ jetzt nicht gebe, kannst du nicht wegfliegen.". "Wär schön.". Sie atmet durch, möchte auch gerne bleiben, aber der Kontrollbeamte und die 8800 Kilometer Distanz warten.

© Daniela Neuwirth 06.04.2020

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