Valentines Day

"Das ist ja interessant. Der Bischof Valentin traute Verliebte christlich, die nach kaiserlichem Befehl damals im dritten Jahrhundert unverheiratet bleiben mussten.", liest Lilly laut vor. "Wusstest du das? Hast du deiner Angebeteten in der Schule ein Herzchen oder eine Blume überreicht?". "Wummm!", donnert die Wohnungstür ins Schloß. "Er läuft wohl mit dem Paket zur Post.", erinnert sich Lilly.

Wieder ein Anlass zum Einkaufen und Verschenken. Davon haben wir über den Jahreslauf verstreut viele, was auch förderlich ist, für ein Zusammenleben. So ist man derart mit arbeiten und der Freude am Geld heranschaffen beschäftigt, weil das nächste Geschenk besorgt werden soll, damit wir beim Verschenken unser Glück in den Augen des Beschenkten/der Beschenkten finden können.

"Was für ein Antrieb.", staunt Lilly immer wieder. Wie wir alle reibungslos funktionieren, alles klappt wie geschmiert. Die Gesellschaft produziert, erschafft, baut, verkauft, kauft, verschenkt und immer weiter und weiter so - mit Freude am Schaffen. "Nur der Berliner Flughafen bricht völlig aus. Der benimmt sich, wie ein Jugendlicher, der nicht erwachsen werden will."

Lilly hat wen im Kopf, doch der ist nicht in ihrer Nähe. Sie beginnt zu überlegen, warum er nicht da ist. "Weil er nicht hier sein kann, da er in einer größeren Stadt lebt, 450 km entfernt." flüstert ihr zuckersüßes, weißes Engelchen auf der linken Schulter in ihren Gehörgang. "Und warum lebe ich nicht dort?", sinniert sie weiter. "Weil du dich nicht von allem losreißen kannst, was dir Spaß macht und dich glücklich macht, ohne sicher zu wissen, ob er sich überhaupt für dich interessiert, nachdem du hier alle Zelte ab- und dein Kind aus der Schule gerissen hast.", zischt bösartig der feuerrote, heisse Teufel auf ihrer rechten Schulter und fuchtelt mit dem Dreizack durch die Luft, weil sie scheinbar ihre eigene Vernunft nicht wahrhaben will.

Lilly greift zumindest zu ihren drei Handys und versendet über Whats App Bitmojis und Emojis, hängt ein paar knallrote Herzen dran. "Er muss das ja auch wissen, dass er mein erster Gedanke morgens ist.", bestätigt sie sich selbst ihre digitale Degeneration. Und natürlich ihre Kinder, die müssen das auch alle wissen, dass sie das Erste sind, an was sie denkt, wenn sich morgens die Helle des Tages über den Dächern von Westerland ausbreitet.

Das Komische an dem Ganzen ist, zurück kommt es dann von ganz wem anderen - ungefähr hundert Fremden, die sie gar nicht persönlich kennt, welche aber scheinbar mit den paar Bildern auf Facebook eine Art Beziehung mit ihr führen. "Warum sind die Herzen immer rot, obwohl das Herz ein reinweißer Muskel ist?".

Wenn ihrer Wohnung etwas Rotes herumliegt, hat sie den unweigerlichen Drang, dahinzulaufen und es zu entfernen. Rot macht sie enorm aggressiv. "Als müsste ich Blut wegwischen, vielleicht war ich ja in einem früheren Leben Krankenschwester.", schmunzelt Lilly und hofft, dass sie einen Strauß weißer Blumen bekommt.

© Daniela Neuwirth