Zum Glück gibts Facebook

Bei Besuchen ihrer Töchter geht es immer ein wenig chaotisch zu, deshalb ist eine gute Vorausplanung von Vorteil und hilft, den Überblick zu behalten, welche Sehenswürdigkeiten sie schon kennen und was noch unbedingt gesehen werden muss. Sie kommen nie alle drei zusammen. Erst die Erstgeborene mit der Mittleren, dann die Mittlere alleine, dann die Mittlere mit der Jüngeren, dann die Jüngere alleine, dreimal.

Also sieht Sam alles öfter, aber macht die Touren immer wieder interessiert mit, schließlich ist er ja der Gastgeber nun. Dieses mal sind sie zusammen schon weit herumgewandert, aber die Uwe-Düne steht noch am Plan. Das Auto stellen sie in der Nähe ab, weil eine lieber im Auto warten will. Ihr ist der Fußmarsch über die Dünen zu weit und die Aussichtsplattform schreckt sie von weitem schon ab.

Also lässt Lilly den Flitzer an der linken Seite, direkt am Zugang und knapp vor einer Einfahrt stehen und stapft mit den beiden auf den abgesteckten Wegen bei schönstem Wetter Richtung Treppenaufgang. Sie plaudern und plaudern - schließlich muss man sich das ganze letzte Jahr erzählen.

Es geht um Gott und die Welt. Die zahlreichen Treppen führen steil zu einer wunderbaren Aussichtsplattform mit Rundum-Blick über die Dünen Richtung Kampen, Westerland, und gegen Osten über die Insel und Westen zu Nordsee, bei guter Windstärke. "Hier können wir traumhafte Fotos machen.". Sie stellen sich an der Holzbrüstung auf und lassen sich von anderen Begeisterten mit dem wunderbaren Panorama ablichten.

"Wir müssen unbedingt nach vorne ans Meer.", drängt Lilly zum Weitergehen, da nach einem kurzen Anstieg in rostrotem Sand ein Kliff unter ihren Füßen liegt, von dem aus die Aussicht weit über den Ozean reicht. Es wird gepost, gehüpft, gelacht, Momente festgehalten. Lilly will durch die Holzlatten der Brüstung klettern, um weiter nach vorne zu kommen. Sie legt ihr Handy und den Schlüssel ab, zwängt sich durch den Abstand. Die Menschen am Strand vor ihnen sehen von oben aus, wie kleine Ameisen, die sich im Sand tummeln.

Sam ist schon wieder auf dem Rückweg. Benita hat viel zu erzählen. Sie redet ohne Ende. Beide klettern wieder zurück auf den Holzsteg und wandern noch ein Stück weiter in der Sonne, genießen den perfekten Tag und die gute Höhe, kehren aber bald um und lassen Nordsee Nordsee sein. Das Auto ist endlich in Sichtweite, aber der Schlüssel nicht in der Hosentasche.

"Sag bloß, ich hab den Schlüssel vor lauter Reden auf dem Steg liegenlassen?". Sie laufen zurück. Nichts. "Wo dann?". Sie gucken auf: `Gesucht - Gefunden`, einer Facebook-Seite für Sylter. Lilly scrollt schnell die neuen Posts durch. "Nichts, nichts, nichts... Ne, nichts... hey warte, ich hab ihn. Gibt's doch nicht.", freut sich Lilly über die schnelle Hilfsbereitschaft ihrer Insel-Mitbewohner. Sie findet heraus, dass der Schlüssel von Spaziergängern am Campingplatz abgegeben wurde. Sie macht sich sofort auf den Weg dahin, natürlich mit einem Zehn-Euro-Schein in der Hand.

© Daniela Neuwirth