Der Umweg

Ich folge den Anweisungen meines Navigationsgeräts. Was soll ich sonst tun, in einem Land, in dem die Straßenschilder auf kyrillisch geschrieben sind. Wie ein Analphabet fühlt man sich da, und das Einzige, woran man sich halten kann, ist die nette Stimme aus dem Navi. Die Straße wird immer schmäler, holpriger, löchriger. Ich werde durch ein Dorf geschickt.

Alle Dörfer sehen in etwa gleich aus. Eine Straße, links und rechts ein breiter Grünstreifen, auf dem wahlweise Esel, Pferde, Kühe, Ziegen oder Schafe grasen, Hühner picken. Ein Pferdefuhrwerk kommt mir entgegen. Eine Stute ist angespannt und nebenher läuft das Fohlen. Plötzlich steht ein Schaf auf der Straße. Ich hupe. Dann setzt es sich in Bewegung, und ich erkenne, dass auf der anderen Seite ein Lamm steht. Die Mutter geht erst, wenn das Lamm mitgeht. Sie hat ihr Kind beschützt. Ich werde skeptisch. Die gepflasterte Straße endet und ich soll auf einen Feldweg einbiegen. Kurz halte ich inne, doch dann fahre ich trotzdem weiter. Zwischen den Feldern hindurch, hügelauf, hügelab, bis ich anstehe.

Verzagt steige ich aus dem Auto aus. Der Feldweg endete. Vor mir liegt ein See. Hunde laufen mir entgegen. Ihnen folgt ein alter Mann.

„Jetzt kriege ich Schwierigkeiten“, denke ich, während ich mir eine Entschuldigung zurechtlege, obwohl sein Blick eher nachsichtig als böse wirkt. Er lächelt mich an. Ich versuche, das Lächeln zu erwidern. Dann bringe ich meine Entschuldigung vor. Auf Englisch. Er versteht kein Englisch. Deutsch sowieso nicht, und bulgarisch, das kann ich nicht. Aber es gibt eine universelle Sprache. Er nimmt mich an der Hand. Die Hunde springen um uns herum. Neugierig, verspielt. Dann sehe ich es, das kleine Häuschen neben dem See. Der Mann wohnt hier, mit seinen Hunden. Welpen springen an meinen Beinen hoch. Die Mutter hat sie im Blick. Nichts als ein Häuschen, die Hunde, der See und der obligatorische Gemüsegarten. Einfach leben kann gut leben sein. Gut leben ist dort, wo wir das Gute sehen. Er nimmt mich mit zu dem Häuschen. Bietet mir ein Glas Wasser an. Der Mann nimmt mich an. Dann zeigt er mir, wie der Weg weitergeht. Ich hätte es nicht gesehen, wäre ich dort, bei meinem Auto stehen geblieben. Manchmal muss man den Standort wechseln, um zu sehen, zu erkennen. Ein Stück musste ich zurück. Dann stimmte der Weg. So kam ich wohlbehalten an meinem Ziel an. Das wäre mir auch ohne den Umweg gelungen. Doch dann hätte ich nicht das Geschenk einer veränderten Perspektive erhalten.

© Daniela Noitz