Ein neuer Lebensabschnitt

Es gibt wohl wenige Einschnitte im Leben, die so nachhaltig sind, wie die Geburt eines Kindes, eines eigenen Kindes. Ich kann mich noch genau erinnern. Es sind Momente, die einen nicht mehr loslassen, Momente überströmender Freude und auch großer Sorge. Werde ich alles richtig machen? Was wird aus ihnen? Und schon ist man hineingezogen in einen Strudel aus Glück und Wahnsinn.

Die Jahre gehen ins Land, viel zu schnell. Bis eines Tages meine Tochter vor mir stand und mir mitteilte: "Mama, ich ziehe jetzt aus." Ich musste erst mal schlucken. Gut, sie war mittlerweile 18, hatte einen Arbeitsplatz und musste pendeln. Und dennoch hatte ich gedacht, es würde sich noch ein wenig hinauszögern lassen. Aber noch mehr schlucken musste ich bei der Erklärung, die sie direkt hinterherschob: "Denn neben Dir kann ich mich nicht entfalten."

Das war starker Tobak im ersten Moment und wohl auch noch im zweiten, aber dann dachte ich darüber nach. Es stimmt schon, dass ich eine starke Persönlichkeit habe. Und da ist eine junge Frau, die sich ihren Weg selbst finden will. Nicht, dass ich sie absichtlich stören würde. Aber ich bin nun mal, wie ich bin. Und irgendwann wird es notwendig, dass man weggeht um anzukommen. Wenige Wochen später packte sie ihre Sachen und verließ ihr Kinderzimmer, dessen Name schon lange nicht mehr passte. Die erste Zeit war hart. Es war eine Leere, die sie hinterlassen hatte. Es war nicht mehr möglich sich spontan zusammenzusetzen, zu plaudern, einen Film anzusehen oder was wir auch immer gerne miteinander gemacht hatten. Auf der anderen Seite merkte ich, dass sie tatsächlich vieles selbst bewältigen musste, was ich ihr zuvor mit aller Selbstverständlichkeit abgenommen hatte. Weil Mamas eben so sind. Wäsche waschen zum Beispiel oder kochen. "Jetzt merke ich erst, was Du alles machst", sagte sie eines Tages zu mir. Es war eine spannende Erfahrung, doch sie meistere die ersten Hürden und auch alle weitere. Ich denke, da ist vieles richtig gelaufen und ich bin stolz auf mein Mädchen, das schon längst nicht mehr mein "kleines" ist.

Aber vor allem ist es schön, wenn sie wieder nach Hause kommt. Ich habe sie nie gedrängt oder unter Druck gesetzt, womit auch immer. Wenn sie zurückkehrt, meist am Wochenende, dann, weil sie es gerne tut. Und es ist schön, sie in die Arme nehmen zu können, schön zu sehen, wie sie ihr Leben angenommen hat und sich den Herausforderungen stellt. Manchmal ist es einfach wichtig auseinanderzugehen, um wieder zueinander zu finden.

© Daniela Noitz