Kannst Du Deinen Namen schreiben?

Ich wuchs auf dem Land auf, mit viel Auslaufmöglichkeit und in relativer Freiheit. Diese Zeit war eine des Spielens, Entdeckens und Lebens, uneingeschränkt und fantasievoll. Doch die Zeit vergeht und auch mich ereilte die Tragik des sechsten Geburtstages. Bald darauf erfolgte das erste Vorsprechen bei der Schule, die meine Eltern für mich auserkoren hatten, einer, die ihren Wertvorstellungen entsprach und vor allem die Möglichkeit bot, dass ich ganztags untergebracht wurde, so dass über die Frage der Betreuung, zumindest in der Schulzeit, nicht mehr nachgedacht werden musste . "Die letzten Arbeitslager Europas", nannte Ivan Illich in einer seiner Bücher die Schulen. Aber davon wusste ich damals noch nichts, und selbst, wenn ich es gewusst hätte, so hätte ich mir kaum eine Vorstellung machen können, was der gute Mann damit sagen wollte. Ich freute mich auf die Schule, vor allem darauf, dass mir diese Zeichen, die ich überall gedruckt fand, endlich verständlich werden sollten. Man nennt sie allgemein Buchstaben.

So betrat ich, in Begleitung meiner Mutter, das altehrwürdige Gebäude. Es war am Vormittag. Alles war still. Nichts rührte sich. Nur ab und an hörte man Stimmen aus den umliegenden Klassen. Es wirkte einschüchternd, die hohen Räume, die weitläufigen Gänge und gewundenen Treppen. Wir gingen direkt zum Zimmer der Direktorin. Sie empfing uns in ihrem Büro. Ein großer Schreibtisch aus Eichenholz stand wie eine Barriere zwischen uns und der Amtsinhaberin. Sie war groß, das graue Haar zu einem Knoten auf dem Kopf aufgetürmt, so dass sie noch imposanter wirkte. Die Hierarchie kam mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck. Auch davon wusste ich damals noch nichts. Dennoch fühlte ich mich instinktiv kleiner, als ich es damals war. Ich verließ mich auf mein Empfinden. Erst später wurde mir das abgewöhnt. Artig sagte ich "Grüß Gott!", wie es sich gehörte, nur die Hand konnte ich der Dame nicht reichen, weil mein Arm zu kurz war und sie uns nicht entgegenkam. Während die Erwachsenen sprachen, saß ich auf meinem Stuhl und langweilte mich. Sollte das schon ein erster Vorgeschmack auf die kommenden Jahre sein? Endlich richtete die Direktorin das Wort an mich. "Kannst Du Deinen Namen schreiben?", fragte sie mich. "Nein", erwiderte ich wahrheitsgemäß, "Und ich muss es auch nicht können." "Warum musst Du das nicht?", wollte sie nun wissen. "Weil ich in die Schule komme, um das zu lernen", erklärte ich mit der akuraten Gewissheit, die ich mir noch bewahrt hatte, "Und die Lehrer sind dazu da, mir das beizubringen." Stirnrunzelnd wandte sich die Direktorin von mir ab. Sah sie in mir die Rebellin? Dabei hatte ich nichts weiter zum Ausdruck gebracht, als dass ich die Regeln begriffen hatte. Lernen gehört in die Schule, das Leben bleibt draußen. Wie sehr das stimmte, durfte ich in den nächsten Jahren erfahren. Und meinen Namen zu schreiben, das habe ich tatsächlich gelernt. In der Schule.

© Daniela Noitz