Mein Leben zwischen zwei Welten

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Mein Leben zwischen zwei Welten | story.one

Im frühen Alter von 6 Jahren erlebte ich zwei einschneidende Erlebnisse, die über mein gesamtes zukünftiges Leben entscheiden sollten und mich zu dieser Frau gemacht haben, die ich heute bin.

Fliegen bedecken das wunderschöne Gesicht, das aus dem Fernseher mit unglaublich traurigen, kullergroßen, braunen und feuchten Augen als Nahaufnahme ragte. Das erste Mal als ich von AFRIKA erfuhr. Ich tippe meinem Vater auf die Schulter. Die übliche Art und Weise, wenn wir mit unseren Eltern sprechen oder ihnen etwas zeigen wollten. Um mich herum Stille. Ich schaue zwischen den beiden hin und her um zu sehen worüber sie sprechen. Die Gebärdensprache ist meine Muttersprache. Wieder tippe ich meinem Vater auf die Schulter und fragte aufgeregt wo denn Afrika sei? Warum sind die Menschen dort arm? Warum sind sie krank und haben nichts zu essen? Ich würde sie gerne besuchen und ihnen sagen, dass alles gut wird. Ich war traurig. Also gibt es auch andere Menschen, die ein anderes Leben führten als scheinbar alle anderen, dachte ich mir. Wie ein kleines Mädchen nun mal denkt. Unkompliziert, naiv und voller Tatendrang. Ich fühlte Ungerechtigkeit, ohne zu wissen was es bedeutet. Es tat mir weh. Ich werde dorthin fliegen. Fest entschlossen. "Ja, das mache ich dann, wenn ich groß bin".

Zur etwa gleichen Zeit „starb“ ich das erste Mal. Ich starb innerlich und beschloss, nie wieder jemals zu lachen. Ein Mensch, den ich von Herzen mochte, tat Dinge mit mir, die ich hasste und lang nicht verstand. Ich vertraute mich einer Person an, die mir daraufhin eine schallende Ohrfeige verpasste und mich versprechen lies, es nie wieder zu erwähnen und ich von Gott bestraft werden würde. Also behielt ich es für mich.

Von frühester Kindheit an erlebte ich soziale Ausgrenzung. Unsere Eltern konnten nicht hören und kaum sprechen. Dies war Grund genug „anders zu sein“. Die schmerzhafte Erfahrung von Ablehnung hatte sich tief vergraben. Immer wieder lag ich nachts in meinem Bett und betete zu Gott, dass er mich für immer schlafen lassen soll. Ich träumte von einer anderen Welt. Ich liebte meine Eltern. Ich liebte meine kleine Schwester über alles. Aber ich hielt es kaum aus in dieser Welt.

Mit 15 Jahren verließ ich meine Heimat, meine Kindheit. Ich floh von schmerzhaften Erinnerungen und Erfahrungen. Wie zu erwarten holte mich jedoch meine Vergangenheit vor etwa 10 Jahren ein wie ein Paukenschlag und die allzu bekannte Ohnmacht und Verzweiflung war mit einem Mal zurück und raubte mir jegliche Möglichkeit ein normales Leben führen zu können. Ich stellte mich meiner Vergangenheit und verstehe mittlerweile, dass nichts ohne Grund passiert.

Meinen Traum die Menschen in Afrika zu besuchen, den habe ich mir erfüllt. Daraufhin habe eine Organisation gegründet und setze mich in Kenia aktiv gegen Kinderehen und Genitalverstümmelung ein. Wir konnten bereits etliche Mädchen davor schützen und haben mit Aufklärungsarbeit bereits hunderte Menschen zum Umdenken gebracht.

© Daniela Sacko