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Die Freiheit jedes Augenblicks

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Die Freiheit jedes Augenblicks | story.one

Ich sitze mit meinem Freund im überfüllten Restaurant auf der Sonnenterrasse. Am Nebentisch unterhalten sich vier Frauen sehr angeregt über ihr Leben mit Kind. Die Lautstärke der Unterhaltung nötigt uns dazu, den Inhalt des Gesprächs genauer zu verfolgen. Die Message dahinter ist leicht erklärt: Hast du Kinder, bist du in deiner persönlichen Freiheit eingeschränkt.

Solange ich ohne Familie war, habe ich nie nachgedacht, welche Freiheit in einem Moment liegt, den ich ganz für mich alleine habe. Wieviel Freiheit in einer einzigen Entscheidung liegt, wenn du nicht den gesamten Familienstamm und dessen Bedürfnisse mit einbeziehen musst. Lange schlafen, Sport treiben, die Toilette allein und so lange ich möchte benutzen, Freundinnen in der Stadt treffen, studieren, Party feiern bis in den Morgen oder auch fernsehen bis ich von selbst eingeschlafen bin - Entscheidungen, die ich in vollster Freiheit getroffen habe.

Erst in der Retrospektive wurde mir bewusst, dass ich diese unendlichen Freiheiten gar nicht zu schätzen wusste. Sie waren selbstverständlich und eher fokussierte ich mich auf Möglichkeiten, die mir nicht zur Verfügung standen aufgrund von anderen (finanziellen) Einschränkungen. Als ich mein erstes Kind hatte, dachte ich wehmütig an diese Zeit zurück - sehnte mich nach dieser Freiheit. "Warte nur, das kommt früher als du denkst wieder retour!" hatte meine Mama mir augenzwinkernd gesagt. Beruhigt hat es mich nicht...

Ich habe mich gefangen gefühlt - vom Leben eingeengt und erstickt. Es hat lange gebraucht, bis ich begriffen habe, dass es im Grund eine Frage meiner inneren Einstellung ist. Solange ich mich immer nur darauf konzentriere, was ich im Vergleich zu damals heute nicht mehr habe, bleibt mir der Blick auf die Vielfalt an Freiheiten in meiner aktuellen Lebenssituation versagt. Sobald ich aber die Perspektive ändere, mein Leben im jetzigen Zustand annehme, entsteht eine Freiheit nach der anderen.

So entdecke ich die Freiheit in den Augenblicken, wo ich durch meine Kinder selbst wieder Kind sein kann. Wenn sich Schmetterlinge im Bauch ausbreiten, wenn ich wild schaukle. Oder mit dem Roller durch die Gassen flitze, anstatt das Auto zu nehmen. Wenn ich die Wälder durchstreife, auf der Suche nach Schätzen. Oder wenn ich morgens gemeinsam mit meiner Tochter eine (Lach-) Yoga Session absolviere.

Auch habe ich gelernt, Momente der absoluten Freiheit, wieder viel bewusster wahrzunehmen. Soviel Freiraum liegt nun in einem Spaziergang in der Natur; einer Tasse Tee im Garten; einer freien Stunde, wo ich schreibe; einem entspannten Wannenbad; einem Besuch im Kaffeehaus mit einer Freundin; einem ungestörten Telefongespräch. Sogar einen Vormittag in der Arbeit sehe ich heute als meine persönliche Freiheit.

Und wenn ich mich doch einmal wieder im Hamsterrad wiederfinde, weiß ich jetzt dass mein Leben mit Kindern nichts damit zu tun hat, sondern allein meine innere Haltung dazu.

Foto: P. Muller

© DanielaEDori 01.08.2020

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