Durch Kinderaugen sehen...

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Durch Kinderaugen sehen... | story.one

"Gehen wir dann noch eine Runde in den Wald?" verkünde ich beim Mittagessen. In Sekundenschnelle senken sich alle Blicke gen Teller, als gäbe es gerade nichts Spannenderes als die Erbsen zu zählen. "Leute, echt jetzt? Ein bisschen frische Luft hat noch keinen umgebracht!" Die beiden Jungs, an der Pubertät schrammend, verdrehen die Augen. "Nö, es bringt uns nicht um. Es bringt uns aber auch nichts!" Ich setze zu einem typischen Vortrag über die Wirkungen von Natur auf den Menschen an, verwerfe aber alles sofort. Meine Söhne sind geistig bereits irgendwo zwischen Minecraft- und Legowelten abgedriftet und ihr Gesichtsausdruck zeigt mir vor allem eines: "Ich hab null Bock!"

Mit einer gewissen Verzweiflung wende ich mich an meine fünfjährige Tochter: "Du gehst aber mit?" Sie guckt mich an, blinzelt unschlüssig. "Gut, wenn du unbedingt willst", was mich ein bisschen an die Aussagen ihrer Brüder erinnert.

Gefühlte Stunden später machen wir uns auf den Weg in den Wald. Wir packen Jause ein, auch wenn sich der Wald in unmittelbarer Nähe zum Haus befindet. Kinder haben immer Hunger und vor allem dann, wenn du nichts dabei hast.

Die Sonne blitzt zwischen den Bäumen hindurch und lässt das saftige Frühlingsgrün besonders einladend erscheinen. Auf einmal hören wir ein Rascheln im Unterholz, was sofort die volle Aufmerksamkeit meiner Kleinen bündelt. "Da ist ein Tier... ein Reh oder ein Hase", teilt sie mir flüsternd mit. "Vielleicht ist es ein Waldzwerg", grinse ich verschwörerisch. "Ein Waldzwerg?" Ihre Augenbrauen heben sich vor Verwunderung. "Lass uns doch mal nachsehen!" schlage ich vor und wir biegen vom Waldweg ab.

Das Rascheln verstummt. Es ist nur noch das Geräusch zu hören, wenn der Wind die Bäume hin und her schwanken lässt. Sie knacken und ächzen. "Unheimliche Geräusche", flüstert sie und ihre Augen leuchten aufgeregt. Sie zieht mich immer tiefer in den Wald. "Wo wohnen Waldzwerge eigentlich?" Ich hebe die Schultern. "Das weiß ich nicht! Frag doch die Bäume!" Sie grinst breit, geht auf einen Baum zu und legt ihr Ohr an den Stamm. Sie lauscht aufmerksam. Was der Baum ihr wohl verrät? "Die Bäume sagen, dass die Zwerge bei den Wurzeln wohnen!" Sie deutet auf eine kleine Vertiefung am Fuße des Baumes, die tatsächlich wie der Eingang zu einer Zwergenhöhle aussieht. "Wir sollen ihnen etwas zu essen hier lassen", erklärt sie mir fachmännisch und verlangt nach unserer Wanderjause. Sie zerkrümelt das Brot und streut es vor der designierten Zwergenhöhle aus. Danach wandert sie von einem Baum zum nächsten, lauscht an der Baumrinde und hinterlässt Leckereien für das Waldvolk. Sie strahlt dabei und wirkt wie ein Schmetterling, der geschäftig von Blüte zu Blüte flattert. Das weckt die Erinnerung an meine eigene Kindheit und die magische Welt, in die ich damals gern abtauchte. Es fühlt sich an, als hätte ich diesen Teil in mir gerade wieder entdeckt.

"Morgen kommen wir wieder", beschließt sie und wir strahlen einander voll Vorfreude an.

© DanielaEDori