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Geschenk an die Welt

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Geschenk an die Welt | story.one

"Nimm das jetzt bitte nicht als Kritik: Aber wenn ich so sauer auf mich bin, weil ich es einfach nicht hinkrieg', bei der Meisterschaft wie im Training zu spielen und du mich dann anlächelst, dann fühl ich mich fast verarscht..." Ich nehme die Worte meines Freundes - einem bekennenden Tennisjunkie - hin und schlucke einen Moment. Als ich am Rand des Feldes stand und ihn beim Spiel beobachtete, ja, da hab ich gelächelt. Obwohl ich fühlte, dass er gerade mit sich kämpfte. Nicht aber, um seine Emotion zu verniedlichen oder um ihn zu beschwichtigen - schon gar nicht um ihn lächerlich zu machen. Ich hab gelächelt, weil ich glücklich war, gerade diesen Moment mit ihm zu teilen. Gerade vor anderen Menschen schwach, bedürftig oder auch wütend zu sein, bedarf einer starken Öffnung.

Ich schenke ihm mein Lächeln, weil ich ihn in seiner Emotion sehe und wertschätze. Weil ich den Teil in ihm sehe, der sich gerade so gar nicht mag und deshalb auch alle von sich stösst. Innerlich sehnt er sich aber nach Aufmerksamkeit und Zuwendung. Auch in diesem Moment möchte er sich geliebt fühlen, auch wenn er sich das selbst grad so gar nicht geben kann.

Mein Lächeln ist mein größtes Geschenk an die Welt - und ich gebe es gerne. Aber immer nur dann, wenn ich es auch wirklich und authentisch geben kann und will. Ich schenke es der Dame an der Kassa, wenn sie meine Artikel einscannt und dabei kaum hochsieht. Ich schenke es dem Herren, der mir beim Spaziergang begegnet und mich finster anguckt. Ich schenke es meinen Kindern, wenn sie mir morgenmuffelig am Weg zum Klo begegnen. Ich schenke es dem entgegenkommenden Autofahrer, der mir den Weg frei macht. Ich schenke es der Mutter auf der Straße, dessen Kind am Boden einen Wutanfall auslebt. Ich schenke es den Menschen, die mich abschätzig mustern, wenn mein Kind gerade neben mir tobt.

Jemandem ein Lächeln zu schenken ist wie ein Aufblitzen der Sonne, wenn der Himmel voller Wolken ist. Wie ein Regenbogen nach einem heftigen Unwetter. Auch wenn es der Beschenkte gerade gar nicht bemerkt oder bewusst nehmen kann, etwas in diesem Menschen reagiert immer positiv darauf. Und mir selbst mach ich damit das größte Geschenk - es macht mich glücklich, freigiebig zu sein.

Neulich verabschiede ich mich von meiner Tochter bevor sie in den Kindergarten geht. Es ist ein intensiver Abschied. Uns beiden steckt noch der Krach mit ihrem Bruder in den Knochen, den wir gerade im Auto miterleben durften. Wir fühlen uns beide aufgewühlt und klammern uns aneinander. Als sie sich von mir entfernt, bemerke ich eine gewisse Schwere in mir. Ich wünschte, ich könnte mir selbst jetzt ein Lächeln schenken. Da dreht sie sich im Gehen um und grinst mich breit an. Es ist ein ehrliches, liebevolles Lächeln. Die Schwere ist wie weggeblasen und mein Herz ist weit geöffnet. Ich beginne zu lachen. Tausend Schmetterlinge flattern durch meinen Bauch. Dankbar für dieses wundervolle Geschenk drehe ich mich um und gehe. Bereit, um die Welt mit meinem Lächeln zu beschenken.

© DanielaEDori 29.06.2020

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