Die Frau auf der Wolke

Ich bin am 26.Dezember 2004 in Punaikaki, einem kleinen Küstenort in Neuseeland angekommen. Eine Wolkendecke schwebt über dem Meer, der Wind bläst.

Ich gehe an den Strand, bin alleine dort. Keine Menschenseele weit und breit. Wahrscheinlich zu schlechtes Wetter. Ich liebe diese unbändige Kraft der Natur und kann Mutter Erde in jeder Faser meines Körpers spüren. Das Meer peitscht große Wellen an den Strand.

Ein Baumstamm ladet mich zum Verweilen ein. Ich setze mich hin und beobachte dieses Schauspiel. Ich habe das Gefühl, dass mir Mutter Erde etwas sagen möchte. Die Wellen sind über 1m hoch und erzeugen eine gewaltige etwas beängstigende Melodie.

Plötzlich nehme ich eine Wolke am Horizont wahr. Sie sieht wie ein fliegender Teppich aus. Eine Frau steht darauf und hält ein Kind im Arm. Meine Gedanken fangen zu kreisen an.

Wie klein und schmächtig ich als Mensch bin, wie stark und kräftig Mutter Erde ist. Die Frau auf der Wolke hat es gut, ihr kann nichts passieren, sie schwebt über dem tosenden Meer auf ihrem Teppich und beobachtet dieses Schauspiel vom Himmel, in Sicherheit. Ich sitze hier am Boden und habe das Gefühl die Riesenwellen könnten mich sofort verschlingen. Wie winzig ich bin.

Ein schwer beschreibbares Gefühl kommt in mir auf. Einerseits bin ich überwältigt von dieser Energie, die hier freigesetzt wird. So unbänding und wild. Mutter Erde in ihrer vollen Kraft. Andererseits habe ich ein beklemmendes Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt und der Ozean ZU wild ist.

Mit diesen gemischten Empfindungen gehe ich nach einer Weile am Strand entlang zurück zum Hostel. Im Gemeinschaftsraum läuft das Fernsehen. Es wird über den verheerenden Tsunami in Indonesien berichtet, der 230.000 Menschen das Leben kostete.

Ich werde den 26. Dezember 2004 niemals in meinem Leben vergessen.

© daskartenmaedchen