Sonnenuntergang am First

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Sonnenuntergang am First | story.one

Der Vierkanthof meines Onkels ruft. Die vielen Quadratmeter Dachfläche sehnen sich schon seit Jahren nach Trockenheit. Nun ist es an der Zeit die morschen Dachlatten und löchrigen Ziegel zu tauschen. Es ist 7 Uhr morgens, Baustellenbesprechung. Danach rauf aufs Dach. Es ist kühl, kurz vor Weihnachten. Ich habe bereits Ferien.

Zuallererst gehören die alten Ziegel entfernt, ein waghalsiger Akt. Ich fühle mich auf den zerbröselnden Dachlatten besonders exponiert, unter mir meterlang nichts. Ich versuche mein Gewicht möglichst gleichmäßig zu verteilen, doch dann knacks – eine Latte bricht. Ich kann mich zum Glück halten und klettere den Sparren entlang bis ganz nach oben. Von dort beginne ich das Dach abzudecken. Gekonnt lasse ich die ersten Ziegel sekundenlang über die anderen nach unten in den bereitstehenden Kipper gleiten. Nicht alle Ziegel treffen ihr Ziel.

Die unfreundliche Kälte zu Beginn wird rasch von den ersten Sonnenstrahlen des Tages in die Flucht geschlagen. Wir lassen die Kraft der Sonne auf unseren Buckel wirken und werken dahin. Nach zwei Stunden Arbeit die erste Pause. Ein warmer Tee steht bereit. Der wohlduftende Früchtetee wird mit einem edlen Tropfen abgekühlt. Gestärkt geht’s zurück an die Arbeit, ehe schon bald ein deliziöses Mittagessen auf uns wartet.

Am Nachmittag gilt es die alten Latten zu entfernen, neue zu montieren und unzählige Ziegel zu schleppen und am Dach anzubringen. Meine anfängliche chirurgische Präzision die Dachziegel zu platzieren weicht mit steigender Ziegelzahl der Pragmatik. Die Arbeit, die eigentlich recht anstrengend und mühsam ist, geht nebenher. Der Schmäh rennt durchgehend, es herrscht ein angenehmes Arbeitsklima. Einige schlagfertige Sprüche speichere ich in mein Kurzzeitgedächtnis.

Insgesamt arbeite ich viele Tage in luftiger Höhe. Es sind stets lange Arbeitstage, doch sie vergehen rasch. Allmählich verdiene ich mir meine neue Skiausrüstung.

Auf der früheren Außenmauer finden wir eine alte Wandfreske mit der Aufschrift 1777. Ein altehrwürdiges Gebäude, das wir da gerade sanieren, denke ich mir. Kurz sinniere ich darüber, wer wohl in diesem Hof schon alles ein und aus ging, was hier wohl in den letzten 200 Jahren, noch lange vor der Zeit meiner Großeltern, schon alles passiert sei, ehe ich aus dem Tagtraum gerissen werde.

Der Tag neigt sich langsam dem Ende zu. Eine Dachseite mit neuen Latten zu versehren geht sich noch aus. Ich entferne immer wieder verbogene Nägel aus den Dachlatten und hämmere neue mit viel Schmackes hinein. Wir arbeiten uns hoch, bis wir den First erreichen. Wir bleiben kurz sitzen. Ich genieße den Ausblick, das Erhabenheitsgefühl, die Höhe, den Blick auf die untergehende Sonne. Stillschweigend lassen wir den Zwergstern verschwinden und nützen das restliche Tageslicht, um den Abend in gemütlicher Geselligkeit, etwas beblitzt, ausklingen zu lassen. Es wird nicht zu spät, morgen ist wieder um 7 Uhr Start.

© David Gamperl