Die Alte und der Junge

Im Zivildienst machte ich die neue Erfahrung, dass es auch alte Menschen gab. Vorab hatte ich mich mit Gleichaltrigen beschäftigt, auch mal die eine oder andere Kindergruppe geleitet, meine Großeltern habe ich nicht mehr erlebt; ab 40 Jahren waren für mich sowieso alle kurz vor dem Exitus. Aber so richtig ältere Menschen, die noch lebten? Und denken und fühlen? Für mich damals ein unbekanntes Land.

Dann begann der Dienst im Altenheim, und plötzlich konnte ich sie plötzlich sehen, jeden Tag, mit ihnen über das Wetter reden, sie ins nahe gelegene Café kutschieren, ihnen manchmal sogar ein wenig helfen.

Sie konnten so herrlich zickig sein, und wunderbar eifersüchtig. So manches Mal entstand ein Getuschel hinten in meinem alten VW-Transport-Bus, wenn eine alte Dame versuchte, mir heimlich einen Riegel Schokolade zuzustecken. „Na sieh mal an, da will sich wohl wieder jemand einschleimen?“ Zack, war der Riegel wieder weg, und im eigenen Mund verschwunden. Herrlich, weil so menschlich!

Und ab und zu kam es zu einem richtigen Gespräch. Wie an dem Tag, an dem mir Gerta, 84, von ihrem Enkel erzählen. Wir saßen schon eine Zeitlang zusammen, und ich dachte fast, sie wäre eingeschlafen, wie sie es mitten am Tag und auch mitten im Gespräch so manches Mal tat. Aber dann fing sie an zu sprechen:

Meist sitze ich nur da, Stunde um Stunde, Tag für Tag, selten kommt jemand zu Besuch, redet mit mir, lächelt mich an. Vielleicht ist es ja gut so, ich brauche doch meine Ruhe, die Hektik und die vielen Sorgen und Ängste der Menschen heute sind nichts mehr für mich.

Aber manchmal bin ich dann doch ein wenig einsam, möchte mich jemandem anvertrauen, mal wieder ganz in Ruhe mit einem sprechen, der mir zuhört … Nein, keine Diskussionen führen, nur die Zeit ein wenig miteinander teilen. Nur wer hat schon noch Zeit für mich?

Ich glaube oft, dass ich den anderen nur noch zur Last falle. So ungeborgen. Wenn da mein Enkel nicht wäre … Manchmal kommt er und legt seine Hand in meine Hand. Wir reden nicht viel, wir mögen uns einfach. Er streichelt mich am Arm, wenn ich traurig bin. Er sitzt oft nur da, und er lächelt mich an und schaut mir in die Augen. Einmal hat er mich sogar gewaschen, als ich nicht rechtzeitig zur Toilette gekommen war.

Als er zuletzt einmal mit seiner Freundin kam und sie sehr zärtlich küsste, da hatte ich plötzlich keine Angst vor dem Sterben mehr. Da habe ich zu meinem Gott gebetet, dass er den beiden ein glückliches Leben schenken soll – und mir einen friedvollen Tod ,,,

Hinterher sah ich die Welt ein wenig anders. Wie viel können wir von den Alten lernen!

© David-Labusch