Es geht auch ohne

Einmal im Jahr ging es zum persönlichen Gespräch über Aufgaben und Ziele. Die Begrüßung war herzlich, man nahm Platz, Kaffee wurde serviert.

„Ich hoffe, es geht Ihnen gut? Alles in Ordnung zu Hause?“

„Ja, alles, wunderbar, vielen Dank!“

„Es gibt eine gewisse Entwicklung zu besprechen. Wir denken da an eine Trennung.“

„Moment, habe ich da irgendwas verpasst? Gab es Fehler, falsche Entscheidungen?“

„Nein, überhaupt nicht.“

„Haben wir nicht immer alles miteinander abgestimmt?“

„Ja, eigentlich schon.“

„Ja, und?“

„Nun, sehen Sie es als eine unternehmerische Entscheidung. Die letzten Jahre liefen halt finanziell nicht so gut, und das Unternehmen hat das Vertrauen verloren, dass es in den nächsten Jahren anders werden könnte. Klar gesagt: Es geht auch ohne Sie!“

„Gibt es daran irgendwas zu diskutieren?“

„Nein, eigentlich nicht.“

„Ja, und?“

„Nun, Sie werden schon neue Wege finden. Mit Vertrauen in die Zukunft geht es sicher gut weiter, meinen Sie nicht?“

Da war er, da tauchte er zum ersten Mal auf - der Satz, niemals ausgesprochen und doch von Anfang an so gemeint; ein Satz, der ihn von nun an nicht mehr losließ: „Es geht auch ohne!“

Nach und nach wurde ihm bewusst, dass dieser Satz sozusagen das Herzstück des Wandels war, der Schlüssel, um alles zu begreifen.

Früher lebten die meisten gerne in einer Familie, mit Frau und Kindern, oft noch mit den alt gewordenen Eltern. Heute denken viele: Es geht auch ohne …

Es gab mal eine Zeit, da glaubten der Menschen in unserem Land an einen Sinn im Leben, eine spirituelle Vernunft. Leere Kirchen und Trash-TV zeigen uns: Es geht auch ohne …

Irgendwann dachten noch alle, guter Sex habe etwas mit Liebe zu tun. Die milliardenschwere Porno-Industrie zeigte es uns als Erste: Es geht auch ohne …

Der feste Arbeitsplatz drückte früher das Vertrauen einer Firma in die angestellte Person aus. Doch die moderne Wirtschaft lehrt uns heute: Es geht auch ohne …

Aber: Viele definierten sich häufig nur über ihre Arbeit in der Firma. Wie befreiend kann da sein zu merken: Es geht auch ohne!

Aber: Wie wichtig waren uns oft Konsum und Kommerz, egal auf welchem Niveau. So nach und nach kommen wir dahinter: Es geht auch ohne!

Aber: Ein Leben lang dem Geld, Reichtum und Ansehen nachrennen? So manches wahre Leben beginnt erst nach der Erkenntnis: Es geht auch ohne!

Nur ohne eines geht es nicht: ohne das achtsame Interesse, die echte Teilnahme mit Herz und Seele bei allem, was uns wirklich etwas angeht.

„Letzten Endes ist alles Spaß.“ Charlie Chaplin

© David-Labusch