Kleine Vogelkunde

Als Mitarbeiter eines Sachbuch-Verlags hat man schon mal komische Typen am Telefon. Langeweiler. Spinner. Eingebildete Lehrer.

Unvergessen aber bleibt mir der Tag, als Jochen B. anrief.

„Hallo, ich möchte den Talker sprechen, der jede Nacht mit Leuten spricht, der ist doch bei Ihnen? Das stand so auf seinem neuen Buch!“

„Meinen Sie Domian? Das ist einer unserer Autoren, aber der arbeitet doch nicht hier! Bei uns hat er nur ein neues Buch veröffentlicht …“

„Ja, aber ich muss ganz schnell mal mit ihm sprechen, ich habe nämlich gerade meine Frau geamselt.“

„Was haben Sie? Also, den Domian können Sie hier nicht sprechen. Vielleicht rufen Sie ja einfach mal beim Fernsehen an.“

„Ach, ich weiß nicht. Ich habe nämlich gerade meine Frau …“

„Geamselt, ja, ich weiß. Sie meinen vielleicht ja gevögelt, aber das interessiert weder mich noch Domian noch irgendjemanden anderes, verstehen Sie?“

„Aber vielleicht die Vorgeschichte? Wollen Sie sie hören? Das war nämlich so, ich musste zum Arzt, was Ernstes. Nach der Untersuchung ruft der Arzt meine Frau dann allein in sein Zimmer und sagt: ‚Ihr Mann ist in einer schrecklichen Verfassung. Er leidet unter einer sehr schweren Krankheit. Sie müssen meinen Anweisungen folgen oder er wird sterben. Machen Sie ihm jeden Morgen ein gesundes Frühstück. Zum Mittagessen geben Sie ihm eine kraftvolle Mahlzeit und am Abend kochen Sie ihm ein leckeres Abendessen. Nerven Sie ihn nicht mit dem alltäglichen Kleinkram, der seinen Stress noch verschlimmern könnte. Versuchen Sie, liebevoll zu sei, und massieren Sie ihn häufig. Wenn Sie das die nächsten Monate tun, wird er wieder ganz gesunden.’ - Auf dem Weg nach Hause habe ich meine Frau dann gefragt: ‚Und, was hat der Arzt gesagt?’ - ‚Du wirst bald sterben.’“

„Oh, das hört sich wirklich nicht so gut an. Und trotzdem haben Sie sie …?“

„Wissen Sie, früher habe ich vor ihr so eine Art Ehrfurcht gehabt. Heute ist es eher Furcht geworden. Sie fragt immer: ‚Was ist der Unterschied zwischen meiner Kaffeemaschine und dir? Die Kaffeemaschine kann ich entkalken.’ Finden Sie das nett?“

„Na ja, in einer alten Ehe sagt man halt manchmal so etwas. Es geht mich auch gar nichts an. Und Sie haben Sie ja schließlich …“

„Ich war ja schon sauer und sage: ‚Warten wir mal ab, bis du dein Idealgewicht erreicht hast: 3,5 kg, inklusive Urne.’ Fand sie nicht komisch. Sie sagt: ‚Wenn einer von uns stirbt, zieh ich nach Bremen.’ Darauf ich: ‚Deine Freundin, gleicher Jahrgang, ist neulich spurlos im Internet verschwunden – sie hat auf ‚alt’ und ‚entfernen’ gedrückt!“

„Hören Sie, Sie brauchen keinen Talker, Sie brauchen einen Lektor! Schreiben Sie doch einfach für uns einen humorvollen Ehe-Ratgeber – für Ältere! Am besten gemeinsam mit Ihrer Frau!“

„Das wird wohl nicht mehr gehen. Leider.“

„Aber warum denn nicht? Sie haben sie doch gerade noch, na ja, gevögelt ..."

"Nein, wie kommen Sie darauf? Jetzt fällt mir das Wort wieder ein – ich habe sie erdrosselt!“

Als der Wecker klingelte und ich aufwachte, fürchtete ich mich vor dem ersten Anruf des Tages …

© David-Labusch