Die zwei Brüder im Rollstuhl

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Die zwei Brüder im Rollstuhl | story.one

Mit einem sanften Schubser stößt mich meine Freundin zur Seite und lässt die Handykamera das Innere des Busses erfassen: "Andreas will den Bus von innen sehen." Dankbar schweift ihr Blick von mir wieder zurück zu ihrem Bruder am anderen Ende des iPhones und sie verabschiedet sich liebevoll.

Andreas ist einer ihrer beiden Brüder, der seit 15 Jahren seine Muskeln nicht mehr bewegen kann und deshalb den ganzen Tag entweder im Bett oder im Rollstuhl verbringt. Die zwei Brüder können sich aufgrund einer durch einen Gendefekt ausgelösten Art der Multiplen Sklerose nicht bewegen. Gar nicht bewegen. Eine bewegende Geschichte, die das Leben von mir für immer verändert hat.

Verändert deshalb, weil ich dieses einzigartige Funkeln in den Augen der Burschen bis heute in meinem Herzen trage. Verändert deshalb, weil meine Dankbarkeit für meine Gesundheit einen ganz anderen Stellenwert bekommen hat. Verändert deshalb, weil ich regelmäßig miterleben darf, wie liebevoll meine Freundin mit ihnen umgeht. Verändert deshalb, weil ich noch nie in meinem ganzen Leben Menschen getroffen habe, die den ganzen Tag nichts anderes tun können, als im Bett zu liegen und fern zu sehen, und dennoch mit einem Strahlen sagen: "Kann man eh nichts machen. Es ist so, aber man soll sich im Leben immer aufs Positive fokussieren. Wenn man Dinge, die man im Leben nicht verändern kann akzeptiert, dann leidet man nicht, sondern erlebt Freude."

Das Bezauberndste an Allem ist die bedingungslose Liebe, die von beiden ausgeht. Erlebt man etwas Spannendes, so wollen sie davon wissen und vor allem Andreas freut sich mit uns mit, als hätte er die Erfahrung selbst gemacht. Ich weiß persönlich gar nicht, ob Wörter wie "Neid", "Eifersucht" oder "Hass" in seinem Wortschatz existieren. Und er beruhigt uns in schwierigen Zeiten. Und wie. Egal was an den eigenen Kräften zehrt - Andreas hat immer Lebensweisheiten parat, die er mit seiner emphatischen Objektivität verlautbart, während Benni im Hintergrund mit seinem Schmäh die Stimmung auflockert.

Diese Stimmung geht selbst dann nicht verloren, wenn die zwei sich dutzende Male unters Messer legen müssen, um ihren Körper so weit es geht, intakt zu halten. Fragt man mich heute, wie ich menschliche Stärke definiere, so sage ich mit absoluter Gewissheit: Benni und Andreas. Sie sind der Ruhepol der Familie und obwohl sie viel Pflege brauchen, so geben sie mehr, als man sich als Mensch jemals erwarten könnte. Wenn ich an spirituelle Erleuchtung denke, so sehe ich Buddha und Jesus. Und dann folgen für mich Andreas und Benni.

Sie zeigen uns nämlich jeden Tag auf, worum es im Leben geht. Während andere jammern, warum das Leben so gemein ist, schätzen die beiden jede Sekunde davon. Während andere nach Ruhm streben, freuen sie sich über den Ruhm ihrer Mitmenschen. Während andere immer mehr haben wollen, schätzen sie die kleinen Dinge im Leben. Und während ich das hier schreibe, steigt mir die Gänsehaut auf.

© David Preiß 12.02.2020