Mein Onkel der Taubenmelker

Einer der Brüder meines Vaters, Onkel Robert, eine bullige Erscheinung mit lautem Organ und ein gern gesehener Gast im Dorfwirtshaus. Er protze gerne und wenn er über den Durst getrunken hatte, war der Schaden unvermeidbar. Einmal hatte er sich eine sündteure Uhr gekauft, die bruchsicher war. Einige Gläschen intus, der Bäcker kam dazu und behauptete ebenfalls eine solche zu haben. Sofort wurde gewettet. Der Bäcker, nüchtern und clever, schlug die Probe vor. Die Uhren sollten an die Wand geschmissen werden, und weil Onkel Robert die Wette vorgeschlagen hatte, sollte er den Anfang machen. Mit voller Wucht gegen die Wand fiel sie in kleinen Teilchen zu Boden. Der Bäcker ging mit seiner unversehrten Uhr nach Hause.

Während des Krieges wickelte Onkel Robert im betrunkenen Zustand, vor den Augen seiner Trinkkumpanen den Tabak in 1000 Bfr Geldscheine und zog genüsslich an seiner Zigarette.

Nach dem Krieg ging es bergab und er wurde berüchtigt durch den Geruch des Schweinestalls im Dorfkern, bekannt mit seinen insgesamt elf Kindern und berühmt als 'Taubenmelker'. Wenn ich die richtige deutsche Übersetzung Taubenzüchter verwende, geht jegliche Verbindung mit dem Flair der damaligen Sonntagvormittagen verloren.

Wir wohnten im selben Dorf, die meisten seiner Kinder waren älter als ich, aber eine Cousine besuchte dieselbe Klasse. Mit dem Geruch des Schweinestalls in den Kleidern saß kein Kind gerne neben ihr und da wir denselben Familiennamen hatten, war es mir peinlich.

Nach dem Krieg wurde Onkel Robert Taubenmelker.

Belgien ist die Wiege des Taubensports und der Sonntag gehörte von März bis Oktober eben diesem Sport. Die Taubenmilch gibt es wirklich. Sie wird sowohl bei der Taube als auch beim Täuberich kurz vor dem Entschlüpfen der Jungen im Kropf geformt und dient ihnen als Futter.

Meist wurden Täuberiche und Tauben während der Flugsaison getrennt gehalten, kurz vor dem einloggen zusammengefügt, mit einem Ring versehen und am Samstag irgendwo nach Süd-Frankreich gebracht um dort Sonntag freigelassen zu werden. Die schnellste Taube gewann.

Am Sonntagvormittag saßen die Taubenmelker nervös und gespannt vor dem Einflugloch und die zurückgebliebenen Tauben sollten mit ihrem Gurren ihren Schatz anlocken, Witwerflug nennt man das. Manche Taube, zierte sich, setzte sich auf dem Dach nieder und dachte nicht daran in den Taubenkobel zu fliegen. Nachbarn wurden gebeten den ganzen Vormittag still zu halten, Kinder wurden ins Haus gerufen. Das Dorf im Taubenfieber! Und da Onkel Robert gute Tauben hatte und oft gewann, mussten die Nerven im Lokal beruhigt und Trinkrunden bezahlt werden.

Schließlich, wie im Märchen, wurde alles gut. Mit seiner Taubenzucht wurde er im In- und Ausland berühmt, verdiente durch den Verkauf viel Geld und konnte, für seine große Familie, ein kolossales Haus bauen. Im Alter wurde er ruhiger und hatte bis zum Ende seines Lebens ein Hobby das ihm viel Freude machte.

© Denise-Skorpion-Jungfrau