Mit Blaulicht zu meiner neuen Liebe.

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Mit Blaulicht zu meiner neuen Liebe. | story.one

Auf meinen inneren Kompass kann ich mich verlassen. Anders steht es mit meinem geografischen Orientierungsvermögen. Wenn ich links abbiegen sollte, nehme ich bestimmt die Abbiegung rechts und umgekehrt. In der Zeit wo es noch kein Tom Tom oder Smartphone gab, kurvte ich fröhlich, aber meist angestrengt mit dem Auto durch Wien. Oft schweißgebadet, auch im Winter in meiner Ente.

Als ich von Belgien nach Wien kam, siedelte ich mich im 9. Bezirk an, der zu meinem Heimatbezirk wurde. Herrlich überall zu Fuß hingehen können, Theater, Kino, Caféhäuser, Beisln, Restaurants. Und wenn es sein musste, ging ich sogar zu Fuß ins AKH (Allgemeines Krankenhaus). Nach Ärzten musste man nicht suchen, jede Straße hatte mindesten 2 Häuser mit Ärzteschildern, die meisten leider mit einer Privatordination als Primarius oder Universitäts--irgendwas. Der Donaukanal war nicht weit weg, dort konnte man in allen Richtungen längere Radtouren machen. Ich liebte und liebe noch immer diesen Bezirk.

Dennoch zog es mich in den 23. Bezirk. Mit viel Wehmut verabschiedete ich mich von der fabelhaften Infrastruktur des 9. und zog quasi aufs Land, oder besser gesagt an den Rand des Wienerwaldes nach Kalksburg. Liesing: Ein mir bis damals völlig unbekannter Bezirk. Der Weg dorthin war alles andere als leicht. Und es gab Situationen, wo mein Orientierungssinn völlig erlosch.

An einem winterlichen, regnerischen Abend war eine Baubesprechung angesetzt. Pünktlichkeit erwünscht. Schaute mir am Stadtplan den Weg an, war in Eile und müde von der Arbeit. Vom 9.Bezirk in der Stoßzeit in den 23., ein echter Horror. Alles ging gut bis zum Liesinger Platz, aufatmen, nicht mehr weit in die Endresstraße, nur die Abbiegung fand ich nicht. Drei mal herumkurven, schwitzen, ratlos. Bei der 3. Runde enddeckte ich das Polizeirevier. Nur mehr einige Minuten bis zu meinem Termin. Parkte verbotener Weise auf dem Polizeiparkplatz, raste die Stufen rauf ins Revier und fragte nach dem Weg. Zwei Polizisten, sehr nett, fanden, dass es tatsächlich schwer war den Weg zu finden. "Wissen´s was, steigen's ins Auto und wir fahren Ihnen vor". Völlig verdattert ob dieses Angebots, war mein innerer Kompass dennoch intakt und ich stotterte noch: "in ein paar Minuten muss ich dort sein". "Das schaffen wir schon". Sie schalteten das Blaulicht ein und wir rasten zu der gewünschten Adresse.

Dort angekommen wurde ich von den auf mich Wartenden mit erschreckten Augen empfangen. Sie hatten das Blaulicht gesehen und dachten an einen Unfall. Ich aber lachte "Die Polizei dein Freund und Helfer"! Ja, das gibt es wirklich, die haben doch die Liebe zu meinem neuen Bezirk entfacht!

© Denise-Skorpion-Jungfrau 08.03.2020