Ode an die Wüste Gobi

Oh ihr wirkliche Schönheiten stilisiert aufs Wesentliche steht ihr da mit den Jurten im Hintergrund in euren farbenfrohen Kleidern. Eure gebündelten Haare ragen empor und neigen sich zur Erde. Die Verbindung von Himmel und Erde haltet ihr damit aufrecht.

Drei Wochen war ich wandernd in eurem Land mit Tsolmon als Reisebegleiter, unterwegs. Er gefiel uns am ersten Tag gar nicht, weil er auf unsere Fragen nach wie lang, wie viel, wie hoch, wie breit, wie alt nicht antwortete. Er schwieg. Wir wollten uns schon bei ihm beschweren.

Er lehrte uns auf eine andere Art eure Nomadenwelt zu verstehen. Nach der ersten Nacht in der Wüste Gobi war Startzeit 8 Uhr ausgemacht. Er sprach nicht, sondern startete punkt 8 Uhr los und schon hatten wir begriffen, was er unter Abmachung verstand.

Am nächsten Morgen standen wir um 6 Uhr auf, packten ein, bauten unser Zelt ab und hatten noch Zeit fürs Frühstück. Mit zwei großen leeren Müllsäcken in der Hand ging er los und sammelte den ganzen Tag jedes liegen gelassene Stückchen Müll. Schon beherzigten auch wir die weisen Worte "Verlass den Platz immer ein Stückchen schöner als du ihn vorgefunden hast".

An einem Abend wurde der Geburtstag eines der Chauffeure gefeiert. Alle sechs Männer der Crew, kamen in ihrem traditionellen Deel gekleidet, wirkten still und ehrfurchtvoll. Der Jüngste trat vor die Tür der Jurte und goss ein Gläschen Schnaps als Ehrerbietung an Himmel und Erde. Der Älteste sang das traditionelle Geburtstagslied als Dank an die Mutter für Geburt und Nahrung, Dank an den Vater für Schutz und Arbeit und Dank an die Geliebte. Gemeinsam sangen sie Lieder die berührten und niemand von uns konnte sich erinnern, dass er/sie je ein Geburtstagsfest erlebt hatte, bei dem Männer mit so viel Einfachheit und Ehrfurcht gesungen hatten.

Am nächsten Tag gingen wir einen Hügel hinauf. Tsolmon setzte sich nieder und sang uns mit einer weichen, liebevollen Männerstimme Schlaflieder vor; Tränen kollerten uns die Wangen runter.

Ein langer Wandertag mit Furtüberquerung: Ich fürchtete mich, weil ich im eiskalten Wasser immer starke Knochenschmerzen bekam. Tapfer durchquerte ich die Furt, gerade noch vor einem Kältekollaps. Ich erzählte es meiner Freundin, Tsolman saß still neben ihr. Zwei Stunden später standen wir wieder vor einer Furt. Ohne Worte, nahm Tsolman mir meinen Rucksack ab, schulterte ihn, rief seinen Assistenten, deutete ihm, dass er sich bücken sollte und mir, dass ich mich auf seinen Rücken setzen sollte. Alle schauten gespannt zu, ich schämte mich. Huckepack kam ich über die Furt und dabei wandelte sich die Scham in Dankbarkeit

Oh ihr wirkliche Schönheiten, die ihr durch eure Verbindung von Himmel und Erde stark seid. Ich danke euch und euren schweigsamen, dafür wunderschön singenden und fürsorglichen Männern. Weibliche Stärke und männliche Zartheit, die sich in Anmut verbinden ist wie durstlöschendes Wasser in der Wüste!

© Denise-Skorpion-Jungfrau