Touristenauge

Lange wohnte ich fast im Zentrum von Wien mit Wohnadresse: Strudlhofgasse. Selbstverständlich kaufte ich den berühmten Roman von Heimito von Doderer 'Die Strudlhofstiege' ,den ich allerdings nie bis zum Ende schaffte. Zu schwer wog mir die Wehmut um die verlorene Habsburger Monarchie. Wohl genoss ich den Blick, wenn ich bei der Haustüre hinausging auf die schönste Stiege Wiens. Von der Liechtensteinstraße aus gesehen ragt sie als Jungendstiljuwel heraus. Im Frühling die ersten leuchtenden gelben Forsythien, im Herbst die rotgelb, orangenen Bäume und dann erst im Winter, die Stiege rein weiß mit schweigendem Schnee zugedeckt. Gegenüber meiner Wohnung hatte ich 'meinen' Park flankiert vom Palais Liechtenstein. Ohne garteln zu müssen, blühten die ersten Frühlingsblumen und Rosenspaliere ragten aus dem Boden. Den Duft kann ich noch riechen. Da ich in der Stadt durch die vielen Sinneseindrücke schnell überfordert werde, gewöhnte ich mir den Schallklappenblick an: Nase, Augen und Ohren wurden auf sacht gedimmt. Nur wenn ich Besucher aus dem Ausland hatte, wurde groß aufgedreht. Viele kamen und manche blieben ganz lange. Ich liebte es ihnen das Barocke, kaiserliche melancholische Wien zu zeigen und bei diesen Stadtspaziergängen schaltete ich mein Touristenauge ein und fühlte mich erhaben in dieser majestätischen Stadt wohnen zu dürfen, ja Teil dieser Stadt zu sein.

Nun war ich, wie jeden Sommer, länger in meinem Geburtsland an der Nordsee. Gemeinsam mit meiner Freundin war ich Gast bei meiner Schwester in De Panne. Wer die flämische Küste kennt, wird sie nicht gerade in einem Ort der Stille und der Natur einreihen. Dort aber, wo meine Schwester ihr Appartement am Ende einer Straße hat, die in die Dünen mündet und auf der anderen Seite das Meer braust, gerät man in ein stilles Staunen mit tiefen Atemzügen. Eine Lautlosigkeit, die nur durch die Schreie der Möwen unterbrochen wird. Das Umland lädt zu langen Radtouren ein. Man radelt gemütlich durch eine unendlich weite, flache Landschaft, umsäumt von reifen Kornfeldern und satt grünen Weiden mit schwarzweißen Kühen. Die zahlreichen Kanäle ionisieren die Luft; eine frische, leicht feuchte Luft legt sich um den Körper. Da höre ich die Freudenschreie meiner österreichischen Freundin: "Ach wie schön, die Weite, man sieht bis zum Horizont, ist das schön"! Mein Touristenauge schaltet sich ein und ich staune über die Anmut meiner ersten Heimat. Einmal schrieb ich in einem Text 'Flandern ich musste dich verlassen um dich wiederzu finden".

Eine Pause legen wir beim Radeln ein und dann gibt es die berühmten Waffeln mit heißer Schokolade übergossen. Mh, mh, mh schmecken die lekker!

© Denise-Skorpion-Jungfrau