Zweierlei Maß

Ich fuhr mit der U-Bahn, es waren keine Sitzplätze mehr frei und so stand ich eingepfercht zwischen den anderen Fahrgästen. Meine Augen schweiften über die Sitzenden und blieben bei einer jungen Frau, ganz in schwarz mit Hidschab, hängen. Ihr Gesicht war frei und wunderschön. Die klaren Augen gekonnt mit Makeup betont. Ihr schwarzes, langes Gewand fiel weich um ihrem zarten Körper; es schien ein seidener Stoff zu sein. Schlanke gepflegte Hände ragten aus den schwarzen Ärmeln. Mein ästhetisches Auge freute sich über diesen Anblick, während mein frauenemanzipiertes Hirn ratterte. Ich konnte meinen Blick von ihr nicht abwenden, bis sie zu mir hoch schaute. Ich wandte mich ab und blieb mit meinem polterdem Hirn zurück. Wie viele Jahre hatten Frauen gebraucht um vom schwarzen Gewand der Großmütter und Urgroßmütter los zu kommen? Geht die ganze Emanzipation futsch? Wieder schaute ich hin und wieder erfreute ich mich an ihrer Schönheit, bis sie den Kopf nochmals hob und mir wortlos zu verstehen gab, wie unangenehm es ihr war,von mir angestarrt zu werden.

Ich verstand und während ich noch mit meiner Freude über die Schönheit und meinen Gedanken über Emanzipation beschäftigt war, landeten meine Augen auf dem Rücken vor mir. Ich sah einen schwarzen Schleier, einen abgetragenen blauen Anorak, einen schwarzen wadenlangen Rock und abgetretene klobige Schuhe: eine Beleidigung für mein Auge, das Schönes liebt. UND ich dachte mir gar nichts. Mein frauenemanzipiertes Hirn war auf non-active geschaltet. Ich war ja vom Kindergarten bis zur Matura mit katholischen Nonnen aufgewachsen. Hatte angenehme und weniger angenehme Erfahrungen mit ihnen gemacht. Ihre Kleidung war mir vertraut und vergessen hatte ich, dass sie uns Mädchen - es war ein Mädchengymnasium - niemals in unserem Bestreben nach Eigenständigkeit unterstützt hatten.

Dann ein Klick in meinem Hirn und ein Rütteln im Körper. Ich wurde hellwach und war bestürzt über mich. Zwei Frauen, die ihre religiöse Zugehörigkeit mit ihrer Kleidung für alle sichtbar machten. Die Eine jung, gepflegt, anmutig und fremd, die Andere älter, schlecht angezogen und vertraut. Trotz der Schönheit fühlte ich mich durch die Fremdheit bedroht. Beim Vertrauten war mein ästhetisches Auge blind und schalteten sich mein Hirn und meine Erinnerungen aus. Mit zweierlei Maß hatte ich gemessen und die Ungerechtigkeit damit vorprogrammiert!

© Denise