Verwechslung

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Verwechslung | story.one

Die Schlange war lang und mein Bein eingeschlafen. Vor und hinter uns Autos soweit das Auge reichte. Zustände wie ich sie nur aus Erzählungen meiner Eltern kannte, wenn sie in Erinnerungen an frühere Jugoslawien-Urlauben schwelgten.

Mit Mühe schälten wir uns alle fünf aus meinem kleinen Fiat. Ich bezeichne ihn immer liebevoll als Raumwunder, doch in diesem Moment war davon nichts zu spüren. Das erste Mal Beine ausstrecken seit Stunden. Die Grenzhäuschen, die eingebettet waren in eine Landschaft, die vor Trostlosigkeit kaum zu übertreffen war, hatten ihre besten Jahre auch schon hinter sich. Das hielt die vielen Menschen aus all den anderen Autos aber nicht ab, auf sie zuzustürmen und wild gestikulierend ihre Reisepässe durch die kleinen Fenster zu pressen. Der Reihe nach ging hier schon lange nichts mehr.

"Schau, da gibts eine EU-Spur!" rief mein Freund aufgeregt. Nummerntafeln mit gelben Sternchen drauf waren dort aber nur wenige zu entdecken. Es bedurfte keiner großen Überredungskunst, die anderen Insassen von meinem Plan zu überzeugen, die Pässe halt auch zu Fuß zum Grenzposten zu tragen, denn mittlerweile war die vierte Stunde angebrochen, die wir in der Betonwüste vor der ukrainisch-polnischen Grenze verbracht hatten.

Ein paar Minuten später, die im Vergleich zur restlichen Wartezeit wie im Flug vergangen waren, hatten wir das vergilbte Plexiglasfenster erreicht. Bevor ich noch meine Hand ganz austrecken konnte, um die eingesammelten Pässe hinüberzureichen, wurden wir lauthals beschimpft. Zumindest nahm ich das aufgrund der Gesichtsfarbe meines Gegenübers und des recht scharfen Tonfalls an. Nachdem wir zwei Minuten unverständliches Geschrei überstanden hatten, riss ich mich zusammen und stammelte etwas wie "Ähh sorry, we don't speak Ukrainian...". Schlagartig änderte sich der Gesichtsausdruck der uniformierten Grenzbeamtin und sie nahm meine Pässe entgegen. Sie warf einen kurzen Blick darauf und rief plötzlich lachend: "Ohh, I thought you were Polish!"

Anscheinend haben österreichische und polnische Pässe ein ähnliches Erscheinungsbild, was die Verwechslung erklärte. Es stellte sich außerdem heraus, dass wir uns offenbar in einer Spur befanden, in der es polnischen Staatsbürgern nicht erlaubt war, die Grenze zu überschreiten, was angesichts des vorherrschenden Chaos ziemlich absurd wirkte. Plötzlich war die Stimmug heiter und die Beamtin schwärmte von architektonischen Meisterleistungen, die während der k.u.k.-Monarchie in der Ukraine erbaut wurden und anderen österreichischen Vermächtnissen. Nach herzlichem, aber mühsamen Händerschütteln durch das winzige Fenster bekamen wir irgendwann sogar unsere Pässe zurück.

Wie schnell so eine Verwechslung doch passieren kann. Doch in diesem Augenblick verschwendete ich keinen weiteren Gedanken daran, denn ich wollte nichts anderes, als die 90 PS meines Raumwunders voll auszunutzen und Richtung Heimat zu brausen.

© DerPrinzvomAlsergrund 25.05.2020