Der innere Beobachter

Ich habe frei und gehe laufen. Es herrscht eine Affenhitze. Ich komme bei meiner Hausarztpraxis vorbei – der Parkplatz ist wie immer völlig überfüllt. Zwei stark übergewichtige Damen warten im Schatten. Ich sehe sie dort öfters. „Buh, bei dieser Hitze laufen zu gehen“, meint eine zu mir. Beide schütteln den Kopf.

Kurze Zeit später laufe ich an einem Rohbau vorbei. Einige Männer decken in der prallen Sonne das Dach. „Komm lieber herauf und hilf uns arbeiten!“, fährt mich plötzlich einer der Dachdecker an. Jetzt kommt richtig Ärger in mir hoch. „Zurücklaufen, was hoch schreien oder weiterlaufen“, durchzuckt es mich. „Ja muss ich mich genieren, wenn ich etwas für mein Wohlbefinden tue?“ Meine Gedanken treiben mich immer mehr in Ärger und Stress hinein. Es dauert lange, bis meine innere Empörung abgeklungen ist.

Was hätte mir geholfen? Mich mit ihnen anlegen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Was genau ist passiert: Zwei Frauen und ein Mann verstehen nicht, warum jemand in der Hitze laufen geht. Sie teilen es dem Läufer unaufgefordert mit. Dieser wird ärgerlich.

Benennen, was ist – ohne zu be- oder gar verurteilen. Das ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, sich zu beruhigen. Ich lege die "Bewertungsbrille" ab und gehe so auf Distanz zu mir selbst, werde freier im Kopf.

Gelingt es, den Handlungsimpuls wahrzunehmen und nichts zu tun, bin ich auf dem richtigen Weg. Ein starkes Kribbeln im Unterbauch zeigt mir persönlich fast immer an, dass ich gerade dabei bin, meine Selbstkontrolle zu verlieren.

Mein Ziel ist es daher, diese angespannte Körperreaktion im Vorfeld eines möglichen Streits wahrzunehmen und in weiterer Folge fokussiert zu beobachten. Mittels dieses "Mentalen Werkzeugs" (Denkmethode) halte ich mich und den anderen leichter aus. Eine sachliche Lösung wird wahrscheinlicher.

Nur schade, dass der individuelle Fitnessgrad beim Sozialversicherungsbeitrag nicht berücksichtigt wird.

© Die_Hummel