Meine Oma - der Stein

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Meine Oma - der Stein | story.one

Ganz genau kann ich mich erinnern, was für ein wunderbarer Mensch meine Oma war. Neun Kindern schenkte sie das Leben. Darunter meine Mutter, welche als vorletztes Kind geboren wurde. Meine Tante kam auf die Welt, als ihr Vater bereits gestorben war. Er erkrankte an einer schweren Nierenkrankheit, die damals nicht heilbar war. Die Medizin war noch nicht so weit. Mit 44 Jahren musste er sterben, mein Opa. Achtfacher Vater und in freudiger Erwartung eines weiteren Kindes. Hochschwanger begleitete meine Oma ihren geliebten Ehegatten am Sterbebett. Ja, sie musste ihn gehen lassen. Machtlos,und nicht wissend wie es weiter gehen würde.

Mein Onkel, der älteste Sohn, musste mit 12 Jahren den Hof übernehmen. Die jüngeren Kinder wurden für die Arbeit im Stall und auf dem Feld eingspannt. Das Geld war sehr knapp. Manchmal musste sie für die täglichen Mahlzeiten ihrer Kinder das Salz der Kühe verwenden, den sogenannten Leckstein. Im Sommer wurden Beeren gesammelt und im Tal verkauft. Alles zu Fuß und mit Rucksack. Für das wenige Beerengeld, ein paar Schilling, wurde Mehl und andere Grundnahrungsmittel gekauft. Sie hatte ein schweres Leben, aber man hörte sie nie jammern. Ich führte viele Gespräche mit ihr, über alle Themen. Überall wusste sie bescheid. Eines hatte ich nie verstanden. Am Liebsten wäre ich ein Stein sagte sie oft. Als sie dann 2006 im 85. Lebensjahr starb, kam mir immer wieder dieser Satz in den Sinn. Am Liebsten wäre ich ein Stein. Heute meine ich zu wissen was sie damit meinte. Ein Stein sein, immer auf dem selben Platz liegen, gefühllos und resistent gegen alle Einflüsse von Außen. Kein Schmerz,kein Kummer, kein Verlust. Keine Angst. Sie war eine unglaublich starke Person, und dieser Satz, wenn man darüber nachdenkt sagt Vieles aus. Vieles darüber welche emotionalen Schmerzen und Ängste sie durchgestanden hat,und trotzdem bis zum Schluss wie ein Fels in der Brandung im Leben stand. Toll solch ein Mensch, und ich bin stolz auf meine Oma. Ich bin unendlich dankbar, das sie mir auch in meinen schwierigen Zeiten gezeigt hat, wie man die Zufriedenheit und die Genügsamkeit nicht verliert. Die Freude an den einfachen Dingen im Leben.

Ja, manchmal möchte man ein Stein sein.

© DieBärin 24.08.2019