Eiszeit

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Eiszeit | story.one

Ein eisiger, regnerischer Mittwochmorgen im Januar. Heute stand ein Schulausflug an. Wie immer packte ich schnell meine dürftige Jause, ein spannendes Buch, Schreibzeug und mein kleines Tastenhandy in meinen Ranzen, zog meinen langen Mantel, Schal, Stiefel an und setzte zu guter Letzt die Mütze auf. Dann machte ich mich geschwind auf den Weg zum Treffpunkt bei den Schulbussen am Bahnhof.

Angekommen, setzte ich mich auf den von meiner besten Freundin freigehaltenen Platz. „ Hey, Asti, bist du aufgeregt? “, fragte ich meine Sitznachbarin Anastasia. „Wieso aufgeregt? Es ist doch nur eine Exkursion. Langweilig!“ Ich verzog meine Miene. Wie unterschiedlich wir auch sein mochten, wir verstanden uns tatsächlich immer hervorragend, trotz der vielen Auseinandersetzungen. Ich entgegnete ihr: „ Wir fahren zur Gedenkstätte des Konzentrationslagers Mauthausen! Das ist doch aufregend!“ Sie zuckte mit den Schultern und wandte ihren Blick auf ihr Buch „Rolltreppe abwärts“.

Ich habe ehrlich gesagt, wie wenig ich auch darüber reden mag, ein großes Interesse am Schulfach Geschichte und lese viele historische Romane und Sachbücher. Im Unterricht haben wir bereits über die grausame Zeit des Holocaust, des Nationalsozialismus und des Antisemitismus gelernt. Der zweite Weltkrieg war echt grausam, schrecklich! Doch die Reise in das Museum eines Konzentrationslagers hat mich verändert. Leider, wie empathisch ich auch sein mag, konnte ich mir bis zu unserer Ankunft an diesem traurigen Ort kaum vorstellen, wie schrecklich es dort gewesen sein mochte.

Eine Führung in mehreren Gruppen folgte. Als Erstes kamen wir zu einem Modell des KZs. So viele Gebäude, so viel Angst und Schrecken, Grausamkeit, Trauer und Schmerz. All das war hier geschehen. Ich konnte es kaum fassen. Mir blieb fast das Herz stehen, als ich mitbekam, wie hier die Menschen vergast und anschließend verbrannt wurden.

Am meisten versetzte mich der „Raum der Namen“ in Trauer und Schmerz, und dann auch noch zu sehen, dass es Register mit Tausenden von Seiten gab, erschütterte mich zutiefst. Alles war streng hierarchisch gegliedert, nichts war in Unordnung. Zahlen, Farben und Zeichen sorgten für eine Ordnung des Schreckens. Menschen in engen, unschönen kleinen Betten zusammengedrängt, wie bei der Massentierhaltung, einfach abscheulich. Kurz vor dem Ende der informativen Führung im eisigen Wind, ließ der Führer uns wissen, dass die Gefangenen nur eine dünne Schicht Kleidung besaßen - bei jeder Jahreszeit, und dazu kaum etwas zu essen bekamen. Währenddessen froren mir und meinen Schulkollegen fast die Füße ein, obwohl wir alle dicke Socken trugen.

Nach der Führung rannten wir alle schnell zu den geheizten Bussen.

Diese Führung hat meine Sichtweise radikal verändert, mich in Schrecken versetzt und mich selbst verändert.

© DieBlaumeise 07.05.2020