„Apper Arm“ (oder: Arm los )

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„Apper  Arm“   (oder: Arm los ) | story.one

Meinen Vater kannte ich immer nur mit einem Arm. Er verlor seinen rechten im Krieg in Stalingrad. Er war einer der allerletzten, die aufgrund seiner Verletzung ausgeflogen wurden. Erst bei seinem Tod habe ich so wirklich begriffen, dass er eigentlich gehandicapt war als er beim Abschied in meinen Armen lag und ich seinen Stummel zärtlich streichelte. Erst hierdurch wurde mir klar, wie eingeschränkt sein Leben gewesen sein musste. Vorher spielte das nie eine Rolle – so genial hat er damit gelebt, es uns vorgelebt. Nie hat er mir das Gefühl gegeben, dass er einen Arm weniger besaß oder sich behindert fühlte. Mit seiner grandiosen Haltung hatte er uns Kindern eingeimpft, dass jeder Mensch mit Handicap ein vollwertiger Mensch sei. Jeder von uns könne auch schnell behindert sein, z.B. im nächsten Moment schon wegen eines Unfalls querschnittsgelähmt, eine Nervenstörungen oder wegen einer Krankheit Atembeschwerden wie allergisches Asthma bekommen. Auch seine Sinne oder bestimmte Funktionen könnten verloren gehen. Da möchte man auch nicht belächelt, gar bemitleidet werden.

Mein Vater ist völlig normal mit seiner Situation umgegangen, zu Hause wie im Beruf. Er hat gelernt mit links zu schreiben. Und ich… ich fahre selbst noch heute mein Auto - so wie er - mit der linken Hand. Das habe ich ihm auf den langen Reisen - zum Beispiel mehrmals im Jahr zum Meer nach Zoutelande in Holland - abgeschaut, ist mir sozusagen ins Blut übergegangen.

Als Arzt habe ich daraus viel gelernt! Dass wir immer nach Möglichkeiten suchen müssen, Menschen selbst in tiefstem Leid zu helfen. Es gibt immer etwas, was ein Arzt tun kann, um den Alltag zu erleichtern und auch das Leben psychisch und sozial wieder lebenswerter zu machen.

Mein Vater trug immer wieder einmal so eine „olle“ braune Prothese. Die lag denn häufig zu Hause rum. Gruselig für diejenigen, die zu Besuch kamen. Für mich war das normal. Ihn aber störte, dass er mit dem „Klotz“ fast nichts anfangen konnte als nur sehr aufwendig den Daumen zu spreizen. Deshalb ließ er sie meist irgendwo im Haus rumliegen. Später, als ich Radiologe war und die Mikrotherapie erfunden habe, um u.a. mit Mikroinstrumenten im Tomographen Nerven zu behandeln, hat er mich gebeten „komm, lass uns etwas bauen, damit ich meine Hand wieder nutzen, vielleicht auch fühlen kann.“ Daraufhin habe ich seinen linken Arm mit Hand im Comutertomographen gescannt, um die Extremität zu spiegeln und um später mikrooperativ eine künstliche Hand elektronisch mit Nerven im Unterarmstummel vernetzen zu können. Wir haben mit Herstellern gesprochen. Zu einer gemeinsamen Entwicklung kam es nie. Wir waren zu früh und er verabschiedete sich bald in die ewigen Jagdgründe. Heute ist die HighTech - Medizin soweit. Hersteller wie Otto Bock realisieren solch tolle Produkte. Welch ein Glück für alle.

© Dietrich Grönemeyer 29.04.2020