Instandhaltung

Wir sind jetzt alle wieder hier, vereint unter dem selben Dach, ich sitze in deinem alten Lieblingsstuhl und spiele mich mit den ausgefransten Fäden die da hängen. Ich werde in Vanessas alten Zimmer schlafen, in dem Doppelbett. Sie teilt sich meines mit Jakob da er dort mehr Platz hat. Mama ist nicht mehr in der körperlichen Verfassung sich um alles zu kümmern.

Also bring ich ihn zur Schule, sag ihm es ist alles O.K. Ich frisiere mir sogar die Haare und such ein passendes Outfit, damit das Lehrpersonal merkt dass es ihm gut geht. Und ich kehre das Laub vor der Einfahrt, leg den verstopften Abfluss im Badezimmer frei.

Ich möchte jetzt wirklich jemand sein, auf den du zählen kannst.

Draußen in der Garage, zur musikalischen Untermalung von einem alten Bruce Springsteen Album, versuche ich mich am Ölwechsel von Mamas Auto. Ich habe nicht die geringste Ahnung, geschweige denn einen Funken Interesse an Autos. Trotzdem. 6 Monate wurde das vernachlässigt. Und ich verbringe diese eiskalten Nächte liebend gerne mit ihm da draußen, zitternd und voll mit Freude. Mit dieser alten Taschenlampe, die ich so halte wie mein Vater früher. Jakob scheint es interessant zu finden, also tu ich so als wäre ich gut in dem was ich da gerade mache, ziehe den Stöpsel und lass die Flüssigkeit ziehen. Ich suche den passenden Ersatzfilter und ich mach den Abwasch und versuch mich am ausmalen und aktiviere alle verbliebenen Hirnzellen um Wissen von früher abzurufen, damit ich ihm bei den Hausaufgaben helfen kann. Und ich schätze, ich hab doch mehr von dir gelernt als ich es wusste.

Ich möchte jetzt wirklich jemand sein, auf den du dich verlassen kannst.

In den Jahren seit wir dich begraben haben, hat Bruce Springsteen es tatsächlich doch noch geschafft ein Album zu veröffentlichen. Es ist leider nicht so gut geworden. Vermutlich weil es mir fehlt wie du, Zähne knirschend, immer anmerkst dass jedes Album nach "Born in the USA" leider nicht so gut geworden ist. Vermutlich weil du mir fehlst. In den Jahren als alles passiert ist, was eben passiert ist, war ich zu lange da draußen um nach dem Licht zu suchen, wie eine selbstzerstörerische Motte die es einfach nicht kapieren will. Ich denke ich weiß nun wo das Licht ist.

Also bereite ich sein Essen für die Pause morgen vor und geh dann früh ins Bett. Ab jetzt möchte gar nicht mehr wissen wie dunkel die Nacht ist.

Und ich schaufel Schnee.

Und ich repariere den Zaun.

Ich möchte jetzt wirklich jemand sein, auf den du stolz sein kannst.

© Dominik Schodl