Klein und nichtig

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Klein und nichtig | story.one

Der markante Gipfel der Planspitze stand schon lange auf unserer Liste, doch da ich gar nicht zu bremsen war, zog ich eines Tages alleine los.

Es war schon etwas besonderes hier oben zu stehen. Diese Tour hatte ich mir wirklich lang herbei gesehnt. Unter mir zog sich das Tal entlang und gegenüber die andere Berglandschaft. Häuser wie Punkte, Straßen wie Bleistiftstiche, jeder Baum nur ein kleiner grüner Fleck und Menschen gar nicht mehr erkenntbar. Jeder Schritt auf diesen Berg trug mich weiter weg vom Alltag, vom Getrubel, vom Stress und dem Getummel um nichts. Von oben wird plötzlich alles so klein und nichtig.

"Na, ganz allein herauf geschafft?" Eine männliche Stimmte wandte sich mir zu. "Ja, hat sich so ergeben", antwortete ich. Der Mann gehörte zu einer Dreiergruppe, welche die erfrischende Bergluft und das Gipfelglück gerade ebenso genoss, wie ich.

"Auch ein Bier?", fragte er mich weiter. "Nein, danke", erwiderte ich und erklärte, dass es noch gar nicht so spät sei und ich ja noch einen zweiten Berg erklimmen könnte, wenn ich schonmal hier oben bin.

"Ach, was machst du denn mit so vielen Bergen.. Gibt ja noch andere schöne Tage."

Unaufhörlich besessene Gipfelstürmer waren die drei wohl nicht. Doch sie konnten mich überreden, mit ihnen bis zur Hütte gemeinsam abzusteigen.

Bei der Hütte angekommen, luden einige Möglickeiten zu einer erweiterten Runde ein. Eine davon war der Weg auf das Zinödl, das man von hier bereits so schön erblickte. Man sah sogar schon ganz klein das Gipfelkreuz.

Ich trank mit dieser Truppe eine Runde und je länger ich saß, desto unruhiger wurde ich. Es wartete noch ein Abenteuer auf mich. Unaufhörlich wandte sich mein Kopf der einladenden Landschaftserhebung neben uns zu.

"Da brauchst du heut nicht mehr raufgehen", meinte einer meiner neuen Gesellen belustigt und bestellte die nächste Runde. "Was willst du eigentlich da oben?"

Was ich da oben will? Hat er mich das tatsächlich gerade gefragt??..

"Naja, ich muss doch mal da oben gewesen sein. Ich möchte ja am Ende meines Lebens auch was zu erzählen haben. Stell dir vor, ich fahre später mit meinen Enkelkindern unten an der Gesäusebundesstraße entlang und sie fragen mich, was da oben ist. Dann kann ich sagen: Das ist die Planspitze. Die hab ich schon mal bestiegen und drei lustige Typen getroffen, mit denen ich noch eins trinken war. Dann werden sie fragen: Und was ist dahinter? Und ich sag: Das Zinödl. Und sie werden fragen: Wie sieht es am Zinödl aus?.. Dann müsste ich sagen: Das weiß ich nicht. Da war ich noch nicht. Also bitte wie klingt das denn?"

Kurz war es stumm. Die Männer grinsten mich liebevoll an. Anschließend griffen sie wieder zu ihren Bierkrügen und unterhielten sich weiter.

Einmal blickte ich noch hinüber auf das Kreuz des Zinödls, das von hier unten kaum erkennbar am Horizont verschwomm. So winzig, als wäre es nur ein Legostein. Einer unter vielen tausenden kreuzförmigen Holzbalken in der großen weiten Welt. Klein und nichtig.

© Doris Korczynski 01.05.2020