Dona Rosa singt

In Portugal gibt es noch viele Blinde. Besonders in den Städten, wo sie sich durch die U-Bahnwagen tasten und betteln. „Fecho os olhos para ver melhor“, singt Dona Rosa. "Ich schließe die Augen, um besser zu sehen." Ihre Stimme ist dunkel und rau und lässt auf ihr beachtliches Körpervolumen schließen. Sie hat gelernt zu singen, um zu überleben. Geboren in Porto erkrankte sie als Kind an Meningitis. Ihre Mutter erzählte ihr, sie habe aufgehört zu sehen, als sie gerade Blinde Kuh spielte. Nach und nach wurde es immer dunkler um sie herum. Irgendwie schaffte sie es nach Lissabon, war obdachlos unter anderen Obdachlosen, verkaufte Lose und sang die Lieder, die ihre Mutter ihr beigebracht hatte.

Ich gehe in der Rua Augusta spazieren. Links und rechts teure Läden, Restaurants voller Touristen. An einer Ecke steht sie, unscheinbar, gestützt auf ihren Blindenstock. In ihrer Art zu singen spüre ich ihren unglaublichen Lebenswillen. Ich warte, bis sie ihr Lied zu Ende gesungen hat. Niemand außer mir hört ihr zu. „Sind Sie Dona Rosa?“, frage ich. Ich möchte mit ihr sprechen, dieser Frau, deren schlichte Lieder mich so berühren. Ich erzähle ihr, dass ich ihre Musik schon kenne. Woher? Aus dem Internet. Woher ich sei. Aus Österreich. Aha! Sie freut sich. Sie habe einen guten Freund in Österreich. Gemeint ist André Heller. Ob ich schon alle ihre CDs hätte? Kramt in ihrer unförmigen schwarzen Tasche, die neben ihr auf dem Boden liegt, und holt eine CD heraus. Ich halte inzwischen ihren Blindenstock. Die Hülle ist noch original verpackt, aber sie sieht alles andere als neu aus und riecht komisch. Als wäre sie seit Jahren in dieser riesigen Tasche herumgetragen worden und hätte geduldig auf mich gewartet. Am Ende der freundlichen Unterhaltung hat Dona Rosa eine CD verkauft und ich fünfzehn Euro weniger in der Geldtasche.

Sowie ich mich verabschiedet habe und weggehe, fängt Dona Rosa wieder an zu singen. Keine Sekunde verlieren, keinen Moment lang ausruhen. Dona Rosa ist mit Sicherheit eine der fleißigsten Straßenmusikerinnen, die ich je gehört habe. Dabei hat sie mehrere Studioalben aufgenommen, geht international auf Tour und füllt Konzertsäle mit ihrer Band. Dazwischen nimmt sie immer wieder ihren Platz in der Rua Augusta ein, steht allein im Halbschatten und geht ihrer Arbeit nach. Und gerade dort, kommt mir vor, wo ihr kaum jemand zuhört, wo kaum jemand zu wissen scheint, wer diese kleine rundliche Frau ist, die portugiesische Volkslieder singt, fühlt sie sich zuhause. “Sou cantadora, minha vida é cantar.” "Ich bin Sängerin, mein Leben ist Singen."

© Doris Schumacher