Ohne Titel. (Ein Märchen)

Es war einmal ein kleines Mädchen vom Land mit großen, großen Träumen. Nein, es wollte nicht Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika werden, auch nicht Kaiserin von China. Es wollte nicht von einem Prinzen aus einem verwunschenen Schloss oder verzauberten Turm errettet werden. Es hatte keine langen blonden Haare und auch sonst wenig Eigenschaften, die in jenen Märchen so häufig vorkommen, die heute als "klassisch" bezeichnet werden.

Die Träume des Mädchens waren viel größer als alles Irdische. Aber nein, es wollte auch nicht Astronautin werden und neue Galaxien entdecken! Es wollte, ja... was wollte es eigentlich? Es wollte hinaus in die Welt. Es sah die Berge rundherum, die Berge, die es von seinem Fenster aus sehen konnte, hinter denen allabendlich die Sonne unterging, und immer fragte es sich, was wohl hinter diesen Bergen läge. Heute, viele Jahre später, weiß es: hinter den Bergen liegt nur Bayern. Aber damals, als es noch klein war, dachte es, es könne die fernsten Länder sehen, wenn es nur über diese Berge hinwegfliegen könnte. Hinter diesen Bergen lag für das Mädchen all das, was es in seinen Büchern gelesen hatte. Das ganze große Reich der Phantasie war dort verborgen, und eines Tages, wenn es alt genug wäre, würde es entweder auf der einen Seite hinauf und auf der anderen wieder hinunter klettern, oder es würde mit dem Flugzeug hinüber fliegen.

Es kam, wie es kommen musste, das Mädchen wurde erwachsen und wanderte aus. Zuerst nach Osten, bis an die Donau. Dann nach Nordwesten, bis an den Rhein. Dann nach Südwesten, bis in den großen, dunklen Pfälzerwald. Es war schon so weit gekommen, aber nirgends war es so aufregend und wunderbar, wie an jenen magischen Orten, die es einst als Kind hinter den Bergen vermutet hatte. Weil es die traumhaften Momente aus seiner Kindheit einfach nicht vergessen konnte, ging das Mädchen ans Theater. Das Theater, so dachte es, sei doch der richtige Ort für all jene, die auf der Suche nach guten Geschichten sind. Aber auch am Theater gibt es nicht nur gute Geschichten, und immer noch fragte sich das Mädchen: Was wird nun aus meinen Träumen? Und warum ist es nirgends, wo ich hinkomme, so schön wie ich es mir vorgestellt habe? Soll ich etwa wieder in das Land der Berge zurückkehren und wieder dort leben, wo wenigstens meine Phantasie Flügel hat?

Es kehrte zurück. Und doch war nichts mehr so, wie es früher gewesen war. Es hatte nun eine Tochter. Die würde eines Tages aus dem Fenster sehen und sich fragen: Was um alles in der Welt liegt wohl jenseits dieser Berge?

© Doris Schumacher