Blind Date

Ich betrete das angenehm klimatisierte Café, halte kurz inne und kann durch die großen Fensterscheiben nur einen Mann allein auf der Terrasse sitzen sehen. Ungläubig lasse ich meinen Blick nochmals umherschweifen, aber er muss es tatsächlich sein, da ist sonst niemand, der infrage kommt.

Soll ich gleich kehrt machen und die Flucht ergreifen bevor er mich noch erblickt hat? Nein, das geht nicht, das wäre schäbig. Ich gehe also hinaus. Meine Anspannung ist bereits verflogen als er mich hocherfreut begrüßt. Wir sitzen auf der heißen Terrasse, trinken Kaffee und machen Konversation.

Ich kann es noch immer nicht glauben, dass dies der Mann von der tollen Annonce ist. Die längste Zeit hatte ich mit mir ringen müssen, ob ich wohl seinen Vorstellungen entsprechen könnte und ihm antworten sollte, diesem reise- und unternehmungslustigen Mann, gutaussehend und schlank, der ein entsprechendes, nettes, schlankes, nicht zu altes weibliches Pendant suchte. Vielleicht stellt sich der ja eine möglichst junge Thai vor oder kann ich mich da melden, war es mir immer wieder durch den Kopf gegangen.

Aber meine Neugier war zu groß gewesen, ich wollte dieses top fitte, sportliche, multiinteressierte 60+ Prachtstück von Mann, der sein Leben genießt, unbedingt kennenlernen. Und nun das. Ungläubig denke ich, das gibt‘s doch nicht, der muss ’blind date‘ missverstanden haben.

Keine Augenbinde tragend wird klar, dass dieser unter dem Schatten spendenden großen Sonnenschirm sitzende Mann in Wahrheit ein Greis ist, oder wenn ich es genau wiedergeben möchte, ein mit runzeliger Haut überzogenes Skelett. Nun musste ich mir wirklich keine Gedanken mehr machen, ob ich seinen hohen Ansprüchen genügen könnte. Dieser Mann war meilenweit von dem entfernt, was seine kreative Annonce hatte erwarten lassen.

Sein Anblick hat aber auch sein Gutes, ich werde augenblicklich ruhig, meine Selbstzweifel verfliegen, ich fühle mich super schön und super jung und so kann ich ganz ungezwungen, locker und souverän mit ihm kommunizieren. Er redet viel und ist von sich sehr überzeugt.

Ich sitze da, trinke meinen Kaffee und schwitze immer mehr, nicht nur, weil es so heiß ist, sondern weil mir auch nichts einfällt, wie ich mich rasch aus der Affäre ziehen könnte, ohne unhöflich zu wirken, wenn ich seinen Redefluss abrupt stoppe, weil er nicht aufhören kann von sich, seinem Leben, Wünschen und seiner derzeitigen Lebenssituation zu erzählen.

Die Unterhaltung wird für mich immer unangenehmer; er ist ganz eindeutig begeistert von mir und scheint mich bereits als seinen ‘Sonnenschein‘ zu sehen. Jetzt ist es genug hämmert es in mir. Bevor er noch weiter schwelgen und sich in Visionen verlieren kann, ziehe ich endlich die Notbremse und rücke vorsichtig mit meinem Geständnis heraus, dass er nicht der ist, den ich erwartet hatte. Damit geht dieses spezielle Date schlagartig zu Ende. Der gerade noch freundliche Supermann reagiert ärgerlich und rüde und ich suche das Weite.

© Doro