Das absolut beste Weihnachtsessen

Schlimme Wochen lagen hinter mir; anstatt der stillsten und friedlichsten Zeit, die anstrengendste und stressigste eines ohnehin schon fordernden Jahres. Damals hatte ich noch mitgespielt bei dem vorweihnachtlichen Wahnsinn, gefangen in all den Vorstellungen, was ich als Frau, Mutter, Tochter, Schwiegertochter, Schwester, Freundin, Nachbarin etc. zu tun hätte, um den Ansprüchen zu genügen, die vermeintlich damit einhergehen. Nein, ich wollte nicht nur genügen, ich wollte alles perfekt machen.

Dieser innere Perfektionsanspruch verlangte mir einen Totaleinsatz ab, besonders vor Weihnachten, dem Fest aller Feste. Alle Vorbereitungen hatte ich bereits akribisch absolviert. Im beinahe steril geputzten Haus lagen wunderschön verpackte Geschenke unter dem makellosen Baum. Es fehlte nur noch das Festessen.

Alle saßen schon um den festlich gedeckten Tisch und löffelten ihre Suppe. Zu dem traditionellen Rehragout sollte es dieses Mal Kartoffelknödel geben. Ich zog mich von der Tafel in die Küche zurück und widmete mich dem Finalisieren des Hauptganges: Das Ragout ist fertig zum Anrichten, auch das Apfelrotkraut mit den Maroni, wie sie es alle mögen; die Knödel sind noch nicht aus dem siedenden Wasser aufgetaucht. Während ich die Teller mit den Orangenscheiben und den Preiselbeeren richte, bemerke ich, dass sich meine Knödel im Wasser aufzulösen beginnen und in kleinsten Stückchen an die Oberfläche schwimmen. Ich kann es nicht fassen und bin außer mir vor Schreck und Aufregung. Mein Mann bringt gerade die leeren Suppenteller in die Küche und alle warten auf das Essen. Ohne Alternative, gieße ich in meiner Not das, was die Knödel hätten werden sollen ab, spüle es mit kaltem Wasser, damit ich aus dem Gatsch Leibchen formen kann und backe sie rasch im heißen Fett auf beiden Seiten goldbraun. Als ich sie mit dem Ragout serviere, habe ich keine Ahnung, wie das nun schmecken wird und wie meine kritische Familie reagiert. Die ersten Gabeln des besonderen Etwas landen in den Mündern. Die Runde ist begeistert, ja entzückt von diesen wunderbaren aus der Not entstanden Weißnichtwas und ich bekomme so viel Lob und Anerkennung, dass ich gar nicht fassen kann, was mir passiert, da normalerweise nur darüber gesprochen wird, was die Mütter früher alles an Großartigem zu Weihnachten gemacht und gekocht hatten.

Diese eigenartigen aus der Not geborenen ‘Lebensretter‘ schmeckten so gut, dass nun, viele Jahre später die Kinder noch davon reden.

© Doro