Das Erdbeben

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Es war ein ganz normaler Sommertag gewesen und ich war noch zum Einkaufen gefahren an diesem 12. Juni 2017.

Als ich voll bepackt in unserer Ferienanlage eintreffe, steht ein Grüppchen mitten in der Wiese. Die Türken sind ja sehr gesellig und plaudern gern, also nichts Ungewöhnliches. Ich grüße sie und will ins Haus. Aufgeregt halten sie mich davon ab. Was ist los?

Ich stelle das Rad ab und geselle mich zu ihnen. Es herrscht eine ganz eigenartige Stimmung unter den Leuten. Alle halten ihr Handy in der Hand, schauen immer wieder darauf und tauschen Neuigkeiten aus.

Ein Nachbar erklärt mir, dass es gerade unweit unserer Küste ein starkes Erdbeben gegeben habe, und dass nun schon erste Meldungen über Verletzte und Zerstörungen auf der uns vorgelagerten Insel Lesbos eintreffen.

Etliche der alten Häuser sind eingestürzt. Die Situation scheint ziemlich bedrohlich. Erdbeben unerfahren wie ich bin, kenne ich sie doch nur vom Fernsehen, frage ich meine Nachbarn, wie wir uns nun weiter verhalten müssten. Wann könnten wir wieder das Haus betreten?

Die Leute sind hier mit Erdbeben gut vertraut, denn die Region liegt an einer Bruchlinie, die immer wieder erschüttert wird. Das schlimmste Beben mit einer Stärke von 7.0 hatte sich 1999 ereignet und in der Region zwischen Istanbul und Izmir mehr als 17.000 Menschen das Leben gekostet.

Jetzt treffen auch schon die ersten SMS bei mir ein, von meiner besorgten Familie und Freunden, die vom Beben in den Nachrichten gehört haben. Alle sind erleichtert, dass es mir gut geht und können nicht glauben, dass ich, völlig durchgebeutelt, als ich mit dem Rad auf der holprigen Straße runter zu unserer Anlage unterwegs war, nichts von diesem starken Erdbeben mitbekommen habe.

Das Erdbeben der Stärke 6.3 mit dem Epizentrum zwischen Lesbos und der Türkischen Westküste hatte einer Frau das Leben gekostet, mehrere Gebäude beschädigt und Erdrutsche ausgelöst. Es war bis in die über 300 km entfernten Metropolen Istanbul und Athen zu spüren gewesen, aber ich, eigentlich mittendrin, hatte nichts gespürt, außer die Aufregung danach.

Irgendwann betraten wir schließlich wieder das Haus und hielten Ausschau nach verdächtigen Rissen. Unserem erdbebensicher errichteten Gebäude war aber nichts anzumerken.

Wissend, dass es immer wieder zu Nachbeben kommt, die auch heftig ausfallen können, gehe ich mit einem ziemlich mulmigen Gefühl schlafen, jedoch nicht ohne mir zuvor noch eine Tasche mit Kleidern, Pass, Geld und Handy zu richten.

Tatsächlich werde ich mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen; ich habe das Gefühl aus dem Bett zu fallen. Mein Gott, ein Nachbeben, schießt es mir durch den Kopf. Ich springe auf, zieh den Bademantel über und flüchte mit meiner Tasche die 4 Stockwerke hinunter ins Freie.

Da stehe ich dann eine Weile, völlig verdutzt, weil sonst niemand auftaucht. Jetzt haben die anderen wohl das Beben nicht mitbekommen, oder war es zu schwach gewesen, um deswegen ins Freie zu flüchten?

© Doro