Das erste High

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Vor meinem Auslandsjahr in den USA, lebte ich nicht nur in einer recht strengen Familie, sondern besuchte auch noch ein äußerst konservatives Mädchengymnasium. Alles Moderne war da verdächtig; mit unseren immer kürzer werdenden Röcken und den Levis Jeans samt bunten Hippie Tops und den Postern mit dem toten Jimmy Hendrix, den Stones, Bob Dylan und anderen Legenden an den Wänden unseres Klassenzimmers stießen wir auf wenig Gegenliebe und Verständnis.

In der Schule gab's viele ältliche Professorinnen, die uns wie alte Jungfern oder Gouvernanten vorkamen. Mädels, die nahe der Schule mit den Burschen zusammenstanden und sogar noch rauchten, genossen bei ihnen keinen guten Ruf. Immer wieder wurden wir auf all die Gefahren des verführerischen modernen Lebens hingewiesen.

Um uns vor noch schlimmeren Auswüchsen, sprich Drogen zu schützen, klärte uns in der Oberstufe ein Rauschgiftspezialist drastisch über die Gefahren von Drogen auf, obwohl Drogen für uns damals wirklich kein Thema waren. Wir sahen die schlimmsten Bilder von Menschen während ihres Drogenkonsums, LSD Tote und die furchtbaren sedativen, hallizinogenen, psychedelischen, stimulierenden und aufputschenden Auswirkungen mitsamt den verheerenden Auswüchsen des eigenen Kontrollverlusts.

Als ich nach Washington kam, dauerte es nicht lange bis ich meine ersten Kontakte zu Drogen hatte; es gab dort scheinbar keine Party oder Veranstaltung wo nicht zumindest ‘geraucht‘ wurde. Während daheim die Gläser immer wieder gefüllt wurden, ging dort der Joint oder der Bong in der Runde um. Mit meinem von der drastischen Rauschgiftaufklärung geprägten Background war ich anfangs schockiert und beäugte die Leute neugierig, um herauszufinden, was nach ihrem Drogenkonsum wohl passieren würde.

Und dann passierte es, dass ich selbst zum ersten Mal richtig high war. Ich war mit Bekannten zu einem Reggae Konzert gegangen. Schon als wir den Saal betraten, kam mir der mittlerweile bekannte Gras Duft entgegen. Der ganze Raum war innerhalb kürzester Zeit vernebelt.

Ungläubig erkundigte ich mich bei meinen Begleitern, wie es möglich sei, dass die Leute sogar in der Öffentlichkeit und nicht nur in den eigenen vier Wänden Rauschgift konsumieren. Das war damals nichts Besonderes und nicht strafbar.

Die Luft war zum Schneiden, denn wenn nicht gekifft wurde, wurden pausenlos Zigaretten geraucht. Auf der Bühne war das nicht anders. Jimmy Cliff und seine Band, die sichtlich ebenso bekifft waren wie alle im Publikum, legten los. Sie schienen den größten Spaß zu haben und die Stimmung im Saal wurde immer ausgelassener; Publikum und Band stachelten sich gegenseitig auf; die Musik überwältigte alle, die Stimmung tobte von Höhepunkt zu Höhepunkt.

Alle waren lustig und gelöst, nicht abartig oder bedrohlich, wie mir vermittelt worden war. Und vom Passivrauchen war ich schließlich auch ohne Joint richtig high bei meinem unvergesslichen ersten Konzert im Rauschgiftnebel!

© Doro