Die Frau aus einer anderen Welt

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Diese wunderbare Frau wurde noch in eine ganz andere Welt hineingeboren. Sie kam im ausgehenden 19. Jahrhundert als das älteste von 14 Kindern in Wien zur Welt. Als junge Frau trug sie noch diese schönen unbequemen langen Kleider und das üppige Haar kunstvoll hochgesteckt. Kutschen fuhren durch die Straßen, der Kaiser regierte das Land und Frauen hatten noch kein Wahlrecht.

Ihre Familie lebte in bescheidenen Verhältnissen, doch der Fleiß der Eltern und das Zupacken der Kinder ließ die Familie einigermaßen durchkommen. Aus der Not heraus schafften es diese Menschen selbst alles zu geben, alle Möglichkeiten zu nutzen, aus allem etwas zu machen und noch aus den mickrigsten Resten ein köstliches Mahl zu zaubern.

Meine Großmutter hatte nicht nur einen wachen Verstand, sondern auch äußerst geschickte Hände und viel Tatkraft. Obwohl sie sich als Stütze der Eltern um ihre jüngeren Geschwister kümmern musste, erlernte sie das Handwerk der Goldschmiedin. Ihr finanzieller Beitrag war für die Familie lange nicht entbehrlich, sodass sie für damalige Verhältnisse auch erst spät heiraten durfte.

Diese starke Frau durchlebte 2 Weltkriege in denen sie mehrere Brüder verlor und auch Heim und Habe. Dennoch verlor sie nie ihre Lebenskraft, ihren Mut und ihre Schöpferkraft. Immer wieder stand sie auf und machte einfach weiter, immer weiter und blieb positiv und gütig.

Nachdem mein Opa gestorben war und ihre Beine nicht mehr so richtig wollten, zog sie zu uns; die Begeisterung hielt sich in Grenzen, lebten wir doch in ziemlich beengten Verhältnissen. Aber für uns Kinder bedeutete es auch viel Schönes. Sie kochte herrlich, flickte unsere wenigen Kleider, tröstete uns und spielte mit uns; sie war einfach immer da. Mit ihren schmerzenden Fingern zauberte sie noch immer die schönsten Handarbeiten und die köstlichsten Mehlspeisen. Ich liebte es bei ihr in der Küche zu sitzen und zuzuschauen, mit welcher Hingabe und Liebe sie alles machte, wie sie den Germteig mit dem Kochlöffel so lange bearbeitete bis er zu „schnaufen“ anfing und zu unschlagbarem Mohnstrudel oder Germknödeln verarbeitet wurde.

Mit dem gleichen Genuss wie sie kochte, aß sie auch, was nicht zu übersehen war. Die Schönheit von einst war wie ein Germteig aufgegangen; aber beim Kuscheln auf der Couch störte das nicht. Wir genossen es am Samstagabend, uns neben sie zu platzieren, wenn die Eltern ausgegangen waren, eine rechts und eine links von ihr, ihre Arme um uns geschlungen, als wir im Fernsehen ’Wünsch dir was’ oder die Hitparade schauten.

Später zelebrierten wir beide am Nachmittag unsere obligate Kaffeepause; da saßen wir zusammen, das geliebte Getränk schlürfend und tauschten unsere Neuigkeiten, Gedanken und Gefühle aus. Mit ihr zusammen fühlte sich alles entspannt und gemütlich an, immer ruhte sie in sich auch wenn es um uns herum hektisch zuging.

Durch sie habe ich die Wärme, Freude und Dankbarkeit einer starken, präsenten, liebevollen Frau erfahren dürfen.

© Doro