Die Lawine

Die Schneefälle halten weiter an. Die Lawinensituation spitzt sich zu. Mit gröberen Behinderungen auf den Straßen ist zu rechnen, höre ich aus dem Radio während ich den Frühstückstisch abräume.

Es ist der 23. Februar 1999. Als zu so früher Stunde das Telefon läutet erschrecke ich, denn die Kinder und mein Mann haben kurz zuvor das Haus verlassen. Das hat wohl nichts Gutes zu bedeuten, geht es mir durch den Kopf. Doch sind sie es nicht. Meine Mutter kann vor Aufregung kaum sprechen. Sie sagt, dass der Papa noch im Bett liegt und ganz eigenartig spricht. Hast du schon die Rettung gerufen? Ja, hat sie. Okay Mama, ich komme gleich.

Mit Herzklopfen und zittrigen Beinen fahre ich so schnell ich kann durch die Schneemassen der meist noch nicht geräumten Straßen. Ich treffe gleichzeitig mit dem Notarzt und der Rettung ein. Meine geschockte Mutter steht in der Tür, während die Retter ins Schlafzimmer stürzen. Ich versuche sie zu beruhigen. Daneben höre ich die Leute arbeiten, Anweisungen geben, Gerätschaften klackern. Schließlich ist er soweit, dass sie ihn ins Krankenhaus bringen können. Wir folgen dem Rettungswagen und warten eine gefühlte Ewigkeit bis die Untersuchungen abgeschlossen sind und uns der Arzt die niederschmetternde Diagnose mitteilt. Große Bereiche des Gehirns sind durch einen Schlaganfall schwer betroffen.

Bevor er auf die Intensivstation verlegt wird, dürfen wir noch zu ihm. Er liegt auf einer fahrbaren Bahre und schaut mich mit seinen weitaufgerissenen klaren Augen an. Immer wieder versucht er mir etwas zu sagen, aber ich kann es nicht verstehen. Was ist es, was er mir nun unbedingt mitteilen will? Sein Blick ist intensiv und ich erkenne, dass es ein Auftrag ist, aber welcher? Was soll ich tun? Bevor ich es herausfinden kann, wird er in die Intensivstation gebracht und wir müssen gehen. Am Abend dürften wir wiederkommen.

Am Abend dieses 23. Februar höre ich von der Lawinenkatastrophe, die sich in Galtür ereignet hat. Eine Lawine unheimlichen Ausmaßes hat ein ganzes Dorf verschüttet. Während diese Menschen und ihre Angehörigen durch die Hölle gehen, durchleben wir die unsere. In den Folgetagen laufen die Rettungseinsätze im Paznaun auf Hochtouren, unterstützt von Nato Hubschraubern. Menschen werden geborgen, Überlebende ausgeflogen. Bei uns folgen Operation und Tiefschlaf und der allabendliche Besuch in der Intensivstation, einem Raum, in dem mehrere Menschen, teilweise mehr tot als lebendig für kürzer oder länger um ihr Leben ringen.

Etliche der Verschütteten können gerettet werden, aber 38 Menschen sind in den Schneemassen umgekommen. Bei uns dauert es noch viele schreckliche Wochen, bis mein Vater den qualvollen Rest von Leben aushaucht, ohne dass ich herausfinden kann, was er mir unbedingt mitteilen wollte, und uns langsam klar wird, was dieses plötzliche Hereinbrechen unserer Lawine für die ganze Familie bedeutet.

© Doro