Duftzeichen

Ja, jetzt weiß ich es. Wir sind versöhnt. Alles was war spielt keine Rolle mehr.

Das Verhältnis mit meiner Schwiegermutter war von Anfang an kein leichtes und entspanntes. Sie hatte mich wohl als Bedrohung empfunden, als Eindringling und Störfaktor. Als Bedrohung, ihr den Sohn zu entfremden und wegzunehmen. Als Eindringling in ihre Dreierbande und als Störfaktor für ihre Zukunftsplanung – ich weiß es nicht genau, weil wir leider nie offen darüber geredet haben.

Ich durchkreuzte die Pläne, die sie für die Berufslaufbahn ihres einzigen Kindes gemacht hatte und ich war auch der Grund dafür, dass er das elterliche Nest und die Heimatstadt verließ. Ich war nicht die Freundin, die sie sich für ihren Sohn, der so viele Erwartungen hätte erfüllen sollen, gewünscht hatte und konnte es auch nicht mit der geschätzten Exfreundin aufnehmen.

Von Anfang an hatte ich mich unter Druck gefühlt und in einem ständigen Konkurrenzkampf. So war ich stets aufs Äußerste bemüht durch viel Einsatz vielleicht doch irgendwann ihre Akzeptanz und vielleicht auch irgendwann später ihre Zuneigung zu gewinnen. Nachdem wir geheiratet hatten wurde es etwas ruhiger und weniger stressig, weil sie sich offenbar mit der ungeliebten Situation abgefunden hatte. Aber dann brachte ich ihr erstes Enkelkind zur Welt und es ging wieder los mit den massiven Einmischungen und den ständigen, verhassten Hinweisen, die mich wissen ließen, dass ich nicht genügte. Bei allen Pflichtzusammenkünften und Familienfesten schwitzte ich Blut, fühlte ich mich doch immer gezwungen zu beweisen, dass ich sehr wohl imstande war, gut für Sohn und Enkel zu sorgen und sie ‘glücklich zu machen‘.

Im Laufe der Jahre, mit dem Heranwachsen der Kinder und unserem Älterwerden, begann sich unser Verhältnis langsam zu entspannen. Wir fingen an uns zu tolerieren und zu akzeptieren. Da endlich der Druck nachgelassen hatte und ich mich nicht mehr ständig beweisen musste, wurde es mir allmählich möglich, ihr einen Platz in meinem Herzen einzuräumen und mich in sie hinein zu fühlen. Ich begann zu begreifen, warum sie sich mir gegenüber so ablehnend, ja feindselig verhalten hatte und so hörte sie auf meine Rivalin und Kritikerin zu sein und wurde langsam immer mehr ein Mensch, den ich gernhatte.

Nach ihrer deprimierenden Zeit im Pflegeheim ging ich nun tieftraurig hinter ihrem Sarg her. Es waren nicht viele Menschen da, weil sie sich schon in den Jahren davor sehr zurückgezogen hatte. Und da war er plötzlich, ihr Duft, eine zarte Wolke. Ja es war ihr Duft, diese ganz spezielle Mischung aus ihrem Parfum und ihrem Geruch. Der Duft riss mich aus meiner Traurigkeit. Ich wandte mich an ihren Sohn, der nichts wahrnahm und meinte, dass ich wohl die Blumen rieche und mir alles einbilde. Aber beim Essen sagte dann meine Tochter:"Mama, bei der Beerdigung habe ich die Oma gerochen." Da wusste ich, dass sie mir einen lieben letzten Gruß geschickt hat, ein Zeichen, dass sie mich zuletzt doch mochte und schätzte.

© Doro