Ein überdimensionaler Storch

Ich liebe es spazieren zu gehen, nicht nur wegen der Bewegung an der frischen Luft, sondern auch um meine Sinne zu nähren beim Sehen, Hören, Fühlen, Riechen all dessen, was mir da an Eindrücken in der Natur, beim Beobachten des Kreislaufes der Jahreszeiten und der Menschen begegnet. Dieses achtsame Gehen eröffnet immer wieder viele frische Inspirationen und Anstöße.

Als ich unlängst meine Spazierrunde drehte, begeistert von der erwachenden Natur mit den fröhlich zwitschernden Vögeln, der wärmenden Sonne und den ersten Frühlingsboten in den Gärten, stach mir ein riesiger Storch ins Auge. Ich konnte kaum glauben, was ich da für ein Monster, aufwändig an dem benachbarten Carport fixiert, erblickte. Dieser überdimensionale Storch, der anlässlich der Geburt eines neuen Menschleins aufgestellt worden war, überragte mit seinen gut 4 Metern das Gebäude, das ihm Halt geben musste. Zusätzlich war er noch mit einem roten Blinklicht ausgestattet, so als könnte man den Riesenvogel sonst übersehen.

Herausgerissen aus meinem Wohlgefühl durch dieses Supersize-Ungetüm begannen sich Gefühle von Irritation in mir breit zu machen. Warum ließ er mich nicht kalt? Eine Flut an Gedanken über das richtige Maß kam in Gang und langsam wurde mir klar, dass dieser Storch für mich ein Symbol für die in unserer Gesellschaft wie eine Seuche um sich greifende Maßlosigkeit darstellt.

Als ich vor vielen Jahren aufs Land gezogen war, fand ich es schön, dass es hier den Brauch gab, das Haus der jungen Eltern hervorzuheben und auf die Geburt eines neuen Erdenbürgers mit kleinen Schildern und hellblauen oder rosa Bändern hinzuweisen. Später wurden diese von kleinen Störchen abgelöst, die mit passenden Schleifen geschmückt waren und teilweise auch diese abschätzigen Büchsen umgehängt hatten. Kontinuierlich sind die Störche von Jahr zu Jahr gewachsen und auch die Angaben zum Neugeborenen wurden mehr; aber die Störche waren immer noch relativ winzig im Vergleich zu diesem Monsterstorch.

Warum verlieren wir immer mehr das Augenmaß und überschreiten gesunde Grenzen, geht’s mir durch den Kopf. Es dämmert mir, dass dieser Storch ein Indiz für unser ungesundes immer Höher, Größer, Schneller, Toller, Geiler, Schöner, Besser…ist. Was treibt uns dazu, in diesen Wettbewerb einzusteigen, im Versuch uns zu profilieren, manchmal sogar auf Kosten der anderen? Der Storch lässt mich nicht mehr los. Wie finde ich die richtige Balance zwischen zu viel und zu wenig? Haben wir bei unserem Verlust des rechten Maßes das Gefühl dafür verloren, was richtig, angemessen, passend, gesund etc. ist und ist dieser Verlust nicht auch dafür mitverantwortlich, dass XXXL, Mega, Giga usw. so viel in uns selbst, in unseren Beziehungen, in der Gesellschaft und auf dem Planteten zerstört hat?

Ein überdimensionaler Storch, bei dessen Aufstellen vielleicht nicht einmal viel nachgedacht worden war, hat meine Frühlingseuphorie gehörig durcheinander gewirbelt.

© Doro