Gestrandet

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Als - in einem Akt von Menschlichkeit - unsere Grenzen für die ersten Flüchtlinge geöffnet wurden, kam für uns unerwartet und unvorbereitet ein riesiger Flüchtlingsstrom auf uns zu. So viele Menschen wurden ins Land ’gespült’, die es zu versorgen galt, auch wenn die meisten nach Deutschland wollten.

Rasch wuchs aber auch die Zahl derer an, die bei uns um Asyl ansuchten. Für sie wurden über die Stadt verteilt Zelte errichtet. So auch in der Schwarzenbergkaserne.

Überwältigt von den berührenden Bildern, wollte ich mich unbedingt auch selbst einbringen. Als schließlich Freiwillige gesucht wurden, die die Menschen mit der deutschen Sprache vertraut machen, meldete ich mich.

Wir finden uns also zum ersten Unterricht am Kasernengelände ein; alles ist improvisiert. Wir erhalten unsere Zutrittsausweise und Doraja Eberle gibt uns noch wertvolle Tipps bevor wir in eine riesige Kasernenhalle treten um loszulegen.

Es herrscht eine angespannte Stimmung in der Halle; wir werden unsicher beäugt und fühlen uns selbst unsicher, sind wir doch vor eine ganz neue Herausforderung gestellt, indem wir uns Menschen widmen wollen, die alles hinter sich gelassen und Furchtbares erlebt haben. Aber wir schaffen das. Vor uns alles Männer im Alter ab 18, ohne Grenze nach oben. Ich suche mir einen Tisch und vorsichtig und scheu lassen sich die ersten bei mir nieder. Sie kommen aus aller Herren Länder, sprechen die verschiedensten Sprachen und haben einen kulturell und bildungsmäßig völlig unterschiedlichen Background.

Wir stellen uns vor, mit Händen und Füßen und der ’Deutschunterricht’ beginnt. 3x die Woche komme ich jetzt regelmäßig in die Halle. Mit zu Hause vorbereitetem Material versuche ich ihnen die wichtigsten Dinge für ein Dasein bei uns näher zu bringen, was ja nicht nur eine Kenntnis der Sprache bedeutet.

Die Teilnahme ist freiwillig, aber viele der Geflohenen nützen sie als willkommene Abwechslung in ihrem öden Tagesablauf, bei dem sie zum Nichtstun verdammt sind, und arbeiten engagiert am Spracherwerb.

Für einige Zeit finden sich die gleichen Männer an meinem Tisch ein, 2 Pakistani, 2 Iraker, 2 Afghanen, 1 Jemenit, 1 Nigerianer und 1 Tunesier. Langsam entsteht zwischen uns ein immer vertrauteres Verhältnis; für die Jüngeren bin ich wohl so etwas wie eine Ersatzmama. Unsere Begegnungen empfinde ich als beglückend, bewegend, fordernd, aber auch immer wieder sehr traurig, wenn wieder ein mir ans Herz gewachsener Flüchtling weg ist, auf Nimmerwiedersehen verlegt in ein Dauerquartier, ohne Vorankündigung, ohne dass wir die Möglichkeit gehabt hätten, uns wenigstens voneinander zu verabschieden - wieder wie Treibgut weitergespült, um woanders zu stranden.

Mit der kalten Jahreszeit wurden die Zeltlager durch Container ersetzt und Familien einquartiert, hauptsächlich Syrer. Auch sie begleiteten wir nur vorübergehend, bis auch diese kurz bei uns Gestrandeten in gleicher Manier wieder irgendwann verschwanden.

© Doro