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Glückseligkeit

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Glückseligkeit | story.one

Wieder frage ich mich während ich Proviant für die Fahrt richte, warum ich mir die vielen Vorbereitungen für ein paar Wochen Urlaub am Meer mit meiner Familie antue. So viel war zu erledigen gewesen. Ich fühle mich erschöpft, und genervt von meinem Mann, der beim Verstauen des vielen Gepäcks nur noch schimpft. Und dann liegt noch die lange Fahrt durch die Nacht vor uns, das Schleppen unserer Habseligkeiten in die ganz oberste Wohnung....

Jahre zuvor hatten wir diese Ferienwohnung in Süditalien für uns entdeckt, in die wir immer wieder zurückkamen, obwohl sie wirklich nicht schön war. Sie war alt und spartanisch eingerichtet. So Vieles, von der Bettwäsche bis zu Kochutensilien galt es mitzunehmen. Diese Wohnung lag aber direkt am Meer und hatte einen wunderbaren Ausblick auf die Küste, die schönen Sandstrände und zum Palazzo, der über der Marina thronte.

Wieder hatte ich vergessen, warum wir immer wieder hierherkommen wollten, bis sich beim Hochziehen der Rollläden mein Herz schlagartig öffnete und die vertrauten Glücksgefühle aus dem Nichts auftauchten. Es dauerte nie lange bis das nichts mehr Müssen, die Sonne, das Meer, das Wiedersehen mit unseren Amici, das gute Essen und die schöne Umgebung zu heilsamem Balsam für unsere Seelen wurde. Er ließ uns wieder in dieses schöne Sein ohne Stress und Aufregung gleiten. Alle wurden ruhig und fröhlich, leicht und kreativ, liebevoll und tolerant. Wie auf Knopfdruck stellten sich Glück und Frieden ein und wir verbrachten harmonische Tage, die mich klar erkennen ließen, warum wir immer wieder hierherkamen und wie wenig wir brauchten, um glücklich zu sein.

Es gab keinen Fernseher und kein Internet und auch kein Handy. Wenn wir uns zu Hause meldeten, mussten wir das von der selbst am Abend noch glühend heißen Telefonzelle aus. Damals war man wirklich noch weit weg von allem.

Wahrscheinlich lag es genau an diesem weit vom Alltag Wegsein, dass wir uns so wohl fühlten, bedeutete es doch einfach nur sein zu dürfen und wieder richtig wach zu werden. Ein Zustand von Glückseligkeit, den ich mir nicht nur im Urlaub wünschte.

Mittlerweile sind viele Jahre vergangen. Das Schicksal hat mir diesen Ort der Glückseligkeit, des Auftankens und des zur Ruhe Kommens nun in der Ägäis geschenkt. Auch hier verbringe ich immer wieder ähnlich einfache Wochen am Meer. Inzwischen gibt es Handy und Internet, und ich bin hier auch nur noch mit mir. Das belastende Hamsterrad von einst liegt hinter mir, Kurskorrekturen und Neuanfänge. Mein beglückender ‘Flowzustand‘, wo alles gut ist, wo ich leicht bin, sicher und glücklich, kommt auch hier wie automatisch. Aber immer noch ringe ich darum, mir diesen inneren Frieden, die Leichtigkeit und das tiefe Vertrauen ins Leben aus meinem kleinen Paradies hinüber in meinen Alltag zu retten und so wünsche ich mir jedes Jahr aufs Neue, endlich dieses Gefühl von Glückseligkeit wie die am Meer gesammelten Muscheln mit nach Hause nehmen zu können.

© Doro 17.06.2019

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