Glücksfall EUropa

  • 169

Ich bin in Riga, endlich vorgedrungen in das Europa, das so lange für mich hinter dem schier unüberwindlichen und Angst einflößenden Eisernen Vorhang lag. Es hat lange gedauert bis ich für mich diese Grenze, auch nachdem sie schon gefallen war, einzureißen begann, hatte sie doch so lange das Ende der ‘heilen Welt‘ und den Beginn von Unfreiheit, Unterdrückung, Willkür und Ausgeliefertsein bedeutet. Zu lange hatten wir als Kinder von dem Schrecken hinter dem ‘Vorhang‘ gehört und von der Bedrohung für uns, mit den auf uns in Stellung gebrachten Panzern und Raketen. Diese Bilder wollte ich nun mit meiner Rundreise durchs Baltikum endlich überwinden.

Ich bin überwältigt von der Schönheit der Stadt, der Offenheit und Fröhlichkeit, die an diesem Wochenende, an dem groß gefeiert wird, überall zu spüren ist. Die Stadt befindet sich in einem 3tägigen Ausnahmezustand und geht in Feierlaune auf. Die Bevölkerung, Letten und Russen, und die vielen Touristen aus aller Welt, finden sich zu unzähligen Open-air-Veranstaltungen ein und feiern alle zusammen, ausgelassen und fröhlich. Es liegt ein fast südländisches Flair in der Luft, wozu das tolle Sommerwetter das seine beiträgt.

Umso erschreckender ist für mich die Begegnung mit unserer Vergangenheit, als ich zufällig auf eine Gedenkstätte treffe. Sie befindet sich hinter den Originalteilen eines Stacheldrahtzaunes eines NS-Lagers, wie es sie auch hier gab. Es ist ein heißer Augusttag, dennoch wird es mir eiskalt beim Anblick des Waggons zum Abtransport in die Vernichtungslager und der vielen Porträts und Kurzbiographien der zu Tode geschundenen Juden und Roma. Wie konnten Menschen mit Menschen so umgehen, ihnen all das Furchtbare antun? Durch Angstmache, Verhetzung und Heilsversprechungen haben Menschen ihre dunkelsten Seiten herausgekehrt, blind in ihrem Hass und ihrer Wut, gerichtet gegen Sündenböcke, verhetzt durch eine menschenverachtende Ideologie, die aus Europa ein Schlachtfeld machte, Millionen tötete, verkrüppelte, vertrieb und einen ganzen Kontinent verwüstete.

Zum Glück begegne ich danach wieder der beruhigenden, Menschen verbindenden, Hoffnung verbreitenden Gegenwart in dieser friedlich feiernden Stadt, einer temporären internationalen Ausstellung am Platz neben St. Petri. 140 Bären stehen da „Hand in Hand“ als Repräsentanten aus 140 Ländern für eine friedliche Welt der Toleranz und Verständigung zwischen Völkern, Kulturen und Religionen.

In den Baltischen Ländern ist die Erinnerung an Sowjetzeiten noch sehr präsent und so endet keine Führung ohne den Hinweis auf ihre Freude und Dankbarkeit jetzt so leben zu können wie wir, innerhalb der Europäischen Union, der sie so viel verdanken. Hier ist man sich sehr bewusst, dass die Freiheit, die wirtschaftliche Prosperität, ein Leben in einem Auffangnetz mit Sicherheit und Frieden etwas Kostbares sind und uns nur ein Miteinander all das gewährleisten kann.

© Doro