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Hände

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Hände | story.one

Meine Hände, diese komplexen Wunder der Anatomie aus Muskeln, Knochen, Sehnen, Bändern und Nerven, die mir das Greifen, das Zupacken, das Fühlen ermöglichen, diese Hände, ohne die ich mir kein Leben vorstellen kann, hatten es nicht leicht mit mir. Sie waren mir ein ewiger Grund zum Hadern.

Ich empfand sie als unschön und unattraktiv, denn zu meinem Leidwesen waren es nicht diese sexy Kinderhändchen wie sie meine Schwester hatte, die so toll aussahen.

Jetzt, wo die Hände nicht schöner geworden sind, blicke ich endlich dankbar und wertschätzend auf diese Hände. Ich habe mich mit ihnen versöhnt und frage mich, wie ich meine Hände nicht mögen konnte, diese Allround-Genies, die mir so viel ermöglichen zu tun, zu fühlen, zu bewegen. Sie lenken, drücken, ziehen, drehen, heben, schieben, zeigen, schreiben, rühren, tragen, kneten, binden, malen, waschen, putzen, schneiden; sie machen alles, was ich will. Sie lassen mich fühlen und träumen und vermitteln mir viele meiner schönsten Empfindungen.

Wie viel habe ich durch meine Hände begriffen, erst durch meine Hände erfahren können, schon als kleines Mädchen, als ich die Welt mit meinen Händen zu entdecken begann. Dann wurde die Feinmotorik perfektioniert und immer mehr besondere Gefühle entstanden durch meine Hände, wohltuende und schmerzende.

Das Berühren einer anderen Hand, eines anderen Menschen, das Halten und streicheln meiner Babys, denen meine Hände Schutz und Stütze waren, die sie zärtlich liebkosten, hielten, trugen, fütterten, wuschen, die sie trösteten und liebevoll ins Bettchen legten.

Immer wieder wurde mir kurz bewusst, wie wichtig, wie wertvoll meine Hände sind, als ich durch Unachtsamkeiten Verletzungen davontrug und bangen musste, ob das Gefühl in den Fingerspitzen zurückkommt.

Meine Hände begreifen über das Tasten und Fühlen, sie handeln, indem ich sie als Werkzeug für die verschiedensten Tätigkeiten gebrauche. Die Finger einer Hand beugen und strecken wir im Laufe des Lebens Millionen Mal, um damit unser Leben zu organisieren, und ich war so vermessen, meine abzulehnen, nicht zu mögen und stiefmütterlich zu behandeln, nur weil sie meinem Schönheitsideal nicht entsprochen haben.

Ich habe sie nicht gut behandelt diese Hände, die ein so wichtiges Kommunikationsmittel, Erfahrungsinstrument, Schaffensmedium, Tast- und Greiforgan sind. Mit ihnen fühle, trage, halte, hebe, ziehe ich; ich arbeite, erschaffe, baue und meistere mein Leben, sie einmal zärtlich und gefühlvoll einsetzend und dann wieder kraftvoll wie einen Vorschlaghammer. Sie arbeiten verlässlich und präzise und haben mich, wenn ich sie nicht misshandelte, nie im Stich gelassen. Und jetzt huschen die Finger behände über die Tastatur und erzählen euch meine Geschichte von den Händen, die empfindsam erschaffen und brutal zerstören können, immer meinem Willen gehorchend und zu Diensten, die so viel mehr sind als ein Werkzeug-artiges Greiforgan, das auch noch schön sein soll.

© Doro 13.12.2019

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