Hoppala und Highlight

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Ich war lange eine Getriebene meines großen Perfektionsanspruchs, was recht anstrengend war. Immer öfter frage ich mich nun, ob nicht die Kunst des Lebens darin besteht, unsere Unvollkommenheit anzunehmen und dabei dranzubleiben am Dazulernen, am Versuchen, das was wir machen, gutzumachen, aber spielerischer, ohne Angst, ohne Krampf, ohne Überforderung, mit Freiräumen für Entwicklungen, die besser und schöner ausfallen können als das angepeilte Ziel, wo ein Hoppala zum Highlight werden kann.

Mit großer Verspätung waren wir auf unserer Reise nach Italien in Davos angekommen, diesem berühmten Luftkurort, Inbegriff von Luxus und Treffpunkt der Mächtigen. Schlechtes Wetter hatte uns auf der Fahrt in die Schweiz überrascht. Ein Wintereinbruch Anfang August. Es war eiskalt und regnete in Strömen.

Beim Einchecken musste es schnell gehen, das Abendessen wartete bereits. Der Regen ging nun in Schnee über, was selbst für die mit 1560 m Seehöhe höchstgelegene Stadt Europas zu dieser Jahreszeit ungewöhnlich ist.

Wir speisten gemütlich im wohlig warmen Hotelrestaurant und weil es draußen so ungemütlich war, ging ich nicht wie üblich alles Weitere abchecken, sondern nur zur Rezeptionistin, um zu klären, wie weit es vom Hotel zum Bahnhof sei, denn als Nächstes stand der Höhepunkt unserer Reise, die Fahrt mit dem Bernina Express am Programm. Okay, es wären nur ein paar Minuten zu Fuß.

Am nächsten Morgen starteten wir also zeitgerecht zum Bahnhof und warteten auf unseren Zug. Als der im Land der Präzisionsuhren nicht angekündigt wurde, erfuhr ich zu meinem Schreck, dass wir am falschen Bahnhof standen. Oh nein, wie kann eine Stadt mit 11.000 Einwohnern 2 Bahnhöfe haben? Daran hatte ich nicht gedacht und die Rezeptionistin wohl nicht darauf geachtet, dass wir den für den Bernina Express brauchten.

Die Gruppe reagiert ungläubig; ich bin geschockt und hätte mich am liebsten in Luft aufgelöst. Unser Chauffeur kommt so schnell er kann. Wir starten los. Im Bus ist es ist mucksmäuschenstill während wir versuchen den Zug zu überholen, um an einem seiner nächsten Stopps unseren Waggon doch noch zu besteigen und an der Jubiläumsfahrt zum 100-jährigen Bestehen teilzunehmen.

Über Nacht ist es strahlend schön geworden. Aber auch tief winterlich. Die verdutzen Kühe stehen im Schnee. Es gelingt uns tatsächlich den Zug abzufangen. Erleichtert lassen wir uns verspätet im Panoramawaggon nieder. Für Stunden rattern wir durch eine spektakuläre Berglandschaft, die gerade wegen der Wetterkapriolen märchenhaft schön ist; doch wegen meines Fehlers bin ich zerknirscht und unfähig das Wahnsinnspanorama zu genießen. Da tätschelt eine alte Dame meine Hand und meint beruhigend: „Entspon di, des woa do net schlimm. So ham ma uns den longweilign Teil daspoat, wo‘s nua durch di Tunnl geht und den Nervenkitzl hätt ma a net kopt.“

Alles hatte sich letztlich wunderbar gefügt und die ungeplante Verfolgungsjagd war zum Highlight der Reise geworden.

© Doro