In Seenot am Ossiacher See

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Das klingt absurd für alle, die den See ein wenig kennen, aber gut vorstellbar für alle, die ihn bereits besser kennengelernt haben. Dieser drittgrößte See Kärntens, eingebettet zwischen den bewaldeten Steilabfällen der beinahe 2000 m hohen Gerlitzen im Norden und den westlichen Ausläufern der Ossiacher Tauern im Süden, erstreckt sich in einer Länge von etwa 10 km; an seiner schmalsten Stelle ist er ca. 800 m breit. Der dunkelgrüne See liegt zumeist ruhig, ja spiegelglatt da, außer eines der beiden Linienschiffe erzeugt für kurze Zeit ein paar kleinere Wellen.

Es ist wunderschön und heiß, als meine Tochter und ich beschließen, dass wir das alte Ruderboot von der Stellage holen, das Moos und die Spinnweben entfernen, um wieder einmal in See zu stechen. Für alle Surfer und Segler ist dieser See ein Grund zur Frustration, denn Wind gibt es fast nie.

Nachdem es wieder einsatzbereit ist, rudern wir hinaus und genießen mitten im See die Ruhe, die Sonne, das Schwimmen fern von allen anderen. Aber selbst bei so viel Genuss bekommen wir noch Lust auf etwas Besonderes und entscheiden uns, so wie wir es früher oft gemacht haben, ans andere Seeufer nach Ossiach zu rudern.

Ich bringe uns hinüber, wir machen das Boot fest und gehen an Land. Nicht um jetzt ins Stift zu gehen, wo jedes Jahr tolle Konzerte des Carinthischen Sommers stattfinden, nein unser Sinn steht uns nach Kulinarischem. Wir gehen rauf in die uns bekannte Kaffee-Konditorei, wo es herrliches selbstgemachtes Eis gibt, darunter eine Sorte, die ich sonst noch nirgends geschleckt habe, nämlich Reindling-Eis, benannt und ebenso schmeckend wie die für Kärnten typische Mehlspeise. Wir genießen ausgiebig unseren süßen ‘Landgang‘ bevor wir wieder ins Boot steigen um zurückzurudern.

Noch immer ist es schön und heiß und wir sind guter Dinge. Als wir nicht ganz die Hälfte unserer Strecke zurückgelegt haben, schießen plötzlich, aus heiterem Himmel, dunkle Wolken über die Gerlitzen und ein immer stärker werdender Gegenwind schlägt uns entgegen. Der Wind wächst sich zu einem Sturm aus, der das Wasser aufwühlt und Wellen wie am Meer gegen unseren Bug schlagen lässt. Das Wasser schwappt herein, das Boot schaukelt wie wild und ich rudere noch wilder, kaum vom Fleck kommend. Anfangs müssen wir noch lachen, aber es dauert nicht lange, bis uns das vergeht, denn der Kampf gegen Wind und Wellen fordert die größte Kraftanstrengung.

Unter Aufbietung aller Kräfte, es ist immer wieder erstaunlich, welche man in einer derartigen Situation mobilisieren kann, gelingt es mir nach einer schier endlos scheinenden Ewigkeit weit abgetrieben das andere Ufer zu erreichen.

Im geschützten Uferbereich übernimmt dann meine Tochter die Ruder und bringt uns gerade noch rechtzeitig zu unserem Steg, bevor ein irres Gewitter losbricht.

Wir sind nicht wirklich oft am See und noch viel seltener rudern wir, dennoch ist es uns schon 2x gelungen wegen des überfallsartig umschlagenden Wetters in ‘Seenot‘ zu geraten.

© Doro