Keine Angst

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in eine bedrohliche Situation kommen könnte ohne Angst zu bekommen. Aber es ist tatsächlich passiert.

Alles hatte so schön begonnen: die überraschende Reiseleitung an die Adria, herrliche Eindrücke in Italien und nun die nächtliche Überfahrt in der kleinen Fähre nach Split, wo uns noch im Hafen von Ancona liegend das Abendessen serviert wurde.

Alle sind guter Dinge, lassen sich’s schmecken und feiern. Es ist bereits dunkel als wir auslaufen. Während die Lichter der Stadt langsam verschwinden, ziehen sich die meisten der mir anvertrauten älteren Leute in ihre Kabinen zurück. Mit einem kleinen Grüppchen sitze ich noch in der Bar. Als die Fahrt unruhig wird, suchen auch wir unsere Kabinen auf.

Meine Kabine gleicht mehr einer Minizelle und liegt unter der Wasserlinie. Die Enge und die muffige schlechte Luft sind nicht auszuhalten. Ich flüchte quer durchs Schiff zum offenen Deckbereich beim Heck, um in der frischen Luft die aufsteigende Übelkeit zu überwinden.

Das Schwanken des Schiffes steigert sich rapide. Ich sitze auf der Box mit den Schwimmwesten; mir wird immer übler. Ein netter junger Bosnier erkennt meine Notlage und versorgt mich mit Sickbags. Es ist stockdunkel, das Motorengeräusch ist höllisch laut. Die Intensität des Sturms nimmt ständig zu. Das Schiff wird gebeutelt, der Wind heult, alles Mögliche klirrt und dröhnt und das Wasser spritzt an Bord. Ich bin schon ganz nass und mir ist kalt.

Als Häufchen Elend suche ich Zuflucht im Inneren, aber da kann ich es noch weniger aushalten. Ich kehre wieder zurück in die einsame, bedrohliche Finsternis, aber auch das hilft nichts mehr. Bald ist mir so schlecht, dass ich nicht mehr gehen oder mich bewegen kann. Ich verharre auf der Box, halb erfroren, triefnass und mich ständig übergebend.

Plötzlich ertönt der Schiffsalarm. Die Menschen kommen panisch in Pyjamas oder in Leintücher gehüllt in die Cafeteria und zu mir heraus. Niemand von der Mannschaft taucht auf. Es herrscht Verwirrung, keiner weiß, was zu tun ist. Ein Lastwagenfahrer meint beruhigend, dass der Alarm wohl der Mannschaft gegolten hätte, damit die Fahrzeuge noch speziell gesichert werden, um uns nicht zu versenken.

Schicksalsergeben lassen sich die Menschen auf den Gängen und in der Cafeteria nieder. Etwas später folgt ein weiterer Alarm. Wieder nichts. Wie in Trance verharre ich auf meiner Box.

Bevor wir zur kroatischen Küste kommen, schwächt sich der Orkan endlich ab und ich schleppte mich durch das verunreinigte, stinkende Schiff zu meiner Gruft.

Als ich etwas später meine Leute beim Frühstück antreffe, quietschvergnügt und bei gutem Appetit kann ich es kaum fassen, dass sie, wie sie erzählen, so gut geschlafen haben, dass sie von unserer Seenot nichts mitbekamen. Doch unser Chauffeur fehlte. Ich finde ihn in seiner Kabine, wo er die Nacht über dem Abfalleimer verbracht hat, genauso Gott ergeben wie ich, der Übelkeit ausgeliefert und unfähig Angst zu haben.

© Doro