Alles ist gut

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„Das Leben ist lebenswert. Ich freue mich immer wieder aufzuwachen, den blauen Himmel zu sehen, die Sonne zu spüren, die Blumen zu riechen, mit dir zu sein. Das sind alles wunderbare Geschenke, das ist wie jeden Tag Geburtstag, Weihnachten und Ostern zusammen.“

Inzwischen war sie eine alte Frau geworden und aufgrund ihrer zunehmenden körperlichen Gebrechlichkeit und Vergesslichkeit in eine Pflegeeinrichtung übersiedelt, natürlich nicht wirklich freiwillig, denn wer gibt schon gern sein eigenes Zuhause und seine Freiheit auf.

Ihr genialer Kopf konnte sich jetzt oft nicht mehr daran erinnern, was es zuvor zum Mittagessen gegeben hatte, dafür waren aber die Erinnerungen an zurückliegende Ereignisse in ihrem reichen und nicht gerade leichten Leben hellwach, und sie liebte es davon zu erzählen.

Sie hatte sich zuletzt gravierend verändert, mit ihrem Blick auf das Leben, auf das, was alles hinter ihr lag, auf das, was sie gerade erlebte und empfand, aber auch auf das, was noch möglich war.

Maggy war eine wahre Powerfrau gewesen, eine Frau der Logik, der Aktivität, des Zupackens und ständigen Tuns. Sie war mutig und streng, zu sich und ihrer Umwelt, dabei gefangen in den Prägungen von Erziehung, Umwelt und Zeitgeist. Sie schenkte sich nichts, denn „aus nichts wird nichts“. Sie lebte in einem engen Korsett von Limitierungen, fühlte sich schuldig, wenn sie sich einmal eine Auszeit gönnte und war damit beschäftigt, sich selbst und ihre Umgebung zu perfektionieren, mit aller Strenge und Härte, im Glauben etwas Gutes für sich und ihre Lieben zu tun. Selbst in der Pension gelang es ihr nicht loszulassen und einen Wechsel vom Tun ins Sein zu vollziehen.

Jetzt aber, wo ihre letzten Lebensjahre angebrochen und so viele ihrer Lieben bereits vor ihr gegangen waren, ihre Einschränkungen sie am Tun hinderten und sie auf sich selbst zurückgeworfen war, hatte ein massiver Perspektivenwechsel eingesetzt, so wie es bei vielen Menschen nach einer persönlichen Katastrophe, einem Verlust oder einer schweren Erkrankung zu beobachten ist. Sie wurde immer präsenter und in ihrer Verschwommenheit hellwach; das Herz und die Weisheit eines liebevollen, erwachten Menschen hatten begonnen, die Vorherrschaft über Verstand, Prägungen und Ängste zu übernehmen. Sie war nun weit und weich und offen.

Während ich sie wieder einmal im Rollstuhl durch den Park schob, hatte ich sie gefragt, wie sie das Leben sehe in ihrem hohen Alter mit all den Schmerzen, Begrenzungen und Beschwerlichkeiten. Dabei erhielt ich dieses ermutigende Bekenntnis zum Leben, das trotz allem noch schön sei.

Maggy war zuletzt zu Hause angekommen, als sie nicht mehr fähig war, sich im herkömmlichen Sinn zu optimieren und durch Leistung und Erfolg zu beweisen; sie war nun imstande einfach nur zu sein, versöhnt mit dem Leben, ohne schlechtes Gewissen und ohne Angst, ganz im Hier und Jetzt, mit sich und der Welt im Frieden und in der Dankbarkeit für alles was gewesen war und noch käme.

© Doro