L I E B E

Vor langer, langer Zeit wurde ein Menschlein geboren, irgendwo hinter den Bergen bei den anderen Zwergen. Es war perfekt und schön in seiner Einzigartigkeit. Ein Wunder der Schöpfung, ein Geschöpf der Liebe. Mit strahlenden Augen blickte es in die Welt, mit viel Neugier und Begeisterung für das Leben, glücklich vollkommen zu sein, so wie es war - einfach Liebe.

Doch dann begann ’Erziehung’; es wurde gegängelt von all den Menschen, die es scheinbar so lieb haben und es gut mit ihm meinen, von Eltern, in denen es selbst nicht mehr singt, von einer Gesellschaft, Kirche, Wirtschaft, die ihm ständig aufzeigen, dass es so wie es ist, nicht richtig, nicht gut, nicht schön ist, und die Lebensfreude im Menschlein wird trüb.

Es fängt an sich Strategien zuzulegen, wie es dieses neue Gefühl des Unzufrieden-Seins mit sich und der Welt überwinden kann. Es will sich nicht als Aschenputtel fühlen, nicht als Außenseiter, nicht als Versager. Es will dazugehören und geliebt werden und so beginnt es immer mehr die Verhaltensweisen zu unterdrücken, die offenbar nicht wünschens- und liebenswert sind. Es passt sich immer mehr an. Es lebt immer mehr das Leben der anderen und geht daran, Dinge zu tun, die ihm keine Freude bereiten, nur um dadurch Anerkennung zu erhalten. Es lebt nicht mehr aus tiefstem Herzen und erlebt bei dem, was es tut, keine Freude, kein erhebendes Glück, Frieden, oder Begeisterung. Enttäuschung, Frustration und Leere machen sich in ihm breit und veranlassen es, noch mehr den Heilsversprechungen im Außen zu folgen. Es strengt sich immer mehr an, investiert immer mehr, verlässt sich immer mehr, um, ja um endlich wieder Liebe zu erfahren. Es kämpft, kompensiert, resigniert, einmal mehr das eine, einmal mehr das andere lebend, immer auf der Suche nach der Liebe.

Die Liebe ist ihm abhanden gekommen und Angst, Krampf und Unzufriedenheit haben sich breit gemacht. Die leidvollen Erfahrungen werden mehr, die Ängste größer, das Brauchen unermesslich, ebenso wie Frustration und Stress. Als es schließlich feststeckt, passiert die Katastrophe, die es aus der Bahn wirft, die das Menschlein nicht mehr in gewohnter Manier weitermachen lässt. Es ist erschüttert, aufgerüttelt. Doch die Krise führt zur erleuchtenden Erkenntnis, dass es in Wahrheit kein kleines, dummes Würmchen ist, gefangen in einem unzulänglichen Körper mit ungenügendem Wissen, falschen Gedanken, schlechten Gefühlen, unerlaubten Wünschen ….

Nein, es beginnt zu verstehen, dass es eine großartige, liebevolle Seele ist, ein göttliches Geschöpf, ein Wunder, einzigartig und schön, genau richtig, so wie all die anderen Menschlein auch. Die Liebe kommt zurück. Es spürt sie so wie eine Mutter ihr Neugeborenes liebt: bedingungslos, echt, achtsam, zärtlich, unendlich….

Und wenn es nicht gestorben ist, so lebt es glücklich und friedlich, mit strahlenden Augen irgendwo hinter den Bergen, in seiner wahren Größe, frei und stark, verbunden in Liebe mit allen Zwergen.

© Doro